150 Prozent

•März 6, 2009 • 5 Kommentare

Höher, schneller, weiter. Das wir alle immer mehr wollen, ist wohl in den meisten Menschen angelegt. Ausnahmen bestätigen die Regel und so stelle ich fest, dass ich gern weniger hätte.
Ich hätte gern weniger als die 150 Prozent Auslastung, welche die Universität Jena studententechnisch jetzt erreicht hat. Implizit steckt in meinem Wunsch nach weniger ja eigentlich auch ein Mehr. Mehr Platz, mehr Kapazitäten in der Bibliothek, mehr freie Kopierer, mehr das Gefühl wieder an einer Uni zu sein und nicht in Massenstudentenhaltung.
Allen Versuchen einige der über 15.000 Studenten wieder loszuwerden zum Trotz werden es nicht weniger, sondern nur immer und immer mehr. Gut 150 neue Studienanfänger mehr als im vergangenen Jahr waren es beispielsweise in diesem Wintersemester allein im Bereich der Politikwissenschaft und da helfen keine Modularisierung, kein Bachelor und kein Master. Wir sind überschwemmt und diejenigen, die fleißiges lernen nicht an die Küste bestandener Klausuren schwemmt, die sprießen kaum ein Semester später in einer anderen Fächerkombination wieder aus dem Boden wie Frühblüher. Keiner weiß mehr, wo er hintreten soll, außer vielleicht nach unten, um irgendwie höher, schneller und weiter von der Uni weg zu kommen. Um dieses Ziel auch ohne treten erreichen zu können, muss man aber eigentlich nicht viel mehr tun als 150 Prozent für einen baldigen Abschluss geben, habe ich mir inoffiziell von offizieller Seite sagen lassen.
Nur zum allgemeinen Verständnis, möchte ich das also noch mal zusammenfassen: Bei 150 Prozent Auslastung oder auch Überlastung der Uni und 150 Studenten pro Semester mehr als im vorhergehenden ist die Lösung des Problems einfach 150 Prozent geben um so schnell wie möglich fertig zu werden und dem Gedränge zu entfliehen. Dieser Rat klingt doch viel unkomplizierter, als sich zu überlegen, wie man die Studentenzahlen via Einstufungstests oder andere Zulassungsbeschränkungen auf ein erträgliches Maß reduzieren könnte. Da hat man von offizieller Seite quasi 150 Prozent Verantwortung für die Problematik an die Studenten weitergegeben.

Unbescholten in der Mensa

•Februar 27, 2009 • 4 Kommentare

Was ist das größte Verbrechen in der Mensa?
Richtig. In der Mittagszeit seine Sachen an einen Tisch stellen, sich in der riesigen Schlange an der Essensausgabe anstellen und eine halbe Stunde lang so einen Platz besetzen, auf dem in der Zeit mindestens 3 Leute hätten Essen können. Meist wird dieses Verbrechen in größeren Gruppen begangen und am häufigsten zu beobachten ist es gegen 12 Uhr in der Abbe Mensa. Nicht selten wird man Zeuge von Keilereien, weil Leute, die sich vorbildlich mit ihrem ganzen Krempel Essen geholt haben, die besetzten Plätze frei räumen und sich setzen. Ihr gutes Recht, wie ich bemerken möchte, denn darauf, dass Plätze Besetzen unerwünscht ist, wird mit großen Schildern in der Mensa hingewiesen. Um Keilereien oder dem Fremdschämen wegen irgendwelcher unangenehmer Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, richte ich es bereits seit dem zweiten Semester meist so ein, dass ich erst gegen halb eins oder sogar später Verabredungen zum Mittagessen treffe und nur dann um 12 Uhr dort bin, wenn es sich nicht vermeiden lässt.
Die vorlesungsfreie Zeit stellt in diesem ausgeklügelten System eine Ausnahme dar, da sich in dieser Zeit kaum Erst- bis Drittsemestler in den Mensen herumtreiben und jeder, der länger hier studiert, die Regeln kennt.
Aber letztens wurde ich nicht nur Zeuge, sondern Opfer peinlicher Angriffe von Erstsemestlern in der Mensa. (Auf die Frage, was die noch hier machen, wo sie doch auch zuhause bei Mama und Papa sein könnten, kann geantwortet werden, dass noch Klausurenzeit war.) Es war also kurz nach eins und um Diana und mich herum lichtete sich die Schar der Essenden. Unser Tisch stand hübsch vom einfallenden Sonnenlicht beschienen und wir berieten gerade darüber, ob wir uns noch einen Kaffee, wahlweise Kakao, holen gehen, als wir ganz unvermittelt angesprochen wurden.
„Könntet ihr vielleicht rücken?“
Rücken? Mein Gehirn versuchte diese in einer halb freien Mensa völlig unangebrachte Frage noch zu verarbeiten, während meine Augen schon wahrgenommen hatten, dass die Frage nur an Diana gerichtet sein konnte, da der Platz neben mir besetzt war. Aber mit ihrem Rücken wäre unser Mittagessen beendet. Dianas Gehirn funktionierte offensichtlich schneller.
„Nein.“
Die haben gefragt. Diana hat geantwortet. Auf die Szene, die folgte, war ich völlig unvorbereitet. Ganz unvermittelt knallte die kleine Blondine ihr Tablett neben mir auf den Tisch und fing mit anstrengend schriller Stimme wie ein Rohrspatz zu schimpfen an.
„Ihr Zicken. Es sollte doch wohl möglich sein hier Platz zu machen. Ihr habt die Mensa nicht gemietet…“
Den Rest ihrer tiefschürfenden Einschätzung unserer Charaktere erspare ich euch. Nicht zuletzt, weil ich mich peinlich berührt fühlte, während ich eine größere Gruppe am Nachbartisch dabei beobachtete, wie sie ihre Tabletts zusammen räumte und ging. Bis zu diesem Moment dachte ich, das größte Verbrechen in der Mensa sei es, Plätze zu besetzen. Aber viel schlimmer noch ist es, in einer halb freien Mensa Plätze haben zu wollen!

Und nur der Vollständigkeit halber: Ihr Zicken war eine völlig unangebrachte Bemerkung, weil ich mich nämlich verbal komplett aus der Sache herausgehalten habe. Wenngleich also Erstsemestlern im Studium das Pauschalisieren noch gestattet sein mag, weil sie es noch nicht besser wissen können… man möchte hoffen, das sie es ganz schnell lernen, denn in der Mensa gilt fressen, oder gefressen werden.

Der Irrglaube von Gleichheit

•Februar 20, 2009 • 2 Kommentare

Ich habe es ja immer ein wenig belächelt, wenn ich aus dem Fenster des Hilfskraftzimmers jemanden dort draußen stehen sah. Mit aufgeregt, vermutlich schwitzig herumfahrenden Händen hatten der- oder diejenige vor der Tür gewartet, unsicher ob Klopfen wirklich der richtige Weg war. Meistens waren es auch Leute, die man auf der Straße sieht und von denen man sich denkt Ja, die haben Probleme. Und während ich sie dort draußen auf dem Flur beobachtet habe, habe ich innerlich gelächelt, weil er oder sie sich bei jemandem Hilfe sucht, der ein Puppenspiel zur Gleichberichtigung aufgeführt hat, bei dem Gretel in den Sinn kommt, zu studieren. Faust tut’s ja auch! Wenn dann doch mal jemand geklopft hat und eingelassen wurde, denn in diesem Büro ist immer jemand da, dann kamen er oder sie stundenlang nicht raus und während ich irgendwelchen Unikram für meinen Chef oder jemand anderen im Institut erledigt habe, saßen er oder sie dort drinnen mit drei Unterbeschäftigten, die zu viel vom Feminismus abbekommen hatten und zu wenig gesunden Menschenverstand.
Dachte ich.
Aber nun ergab es sich, dass ich mich ungleich schlechter behandelt fühlte, um nicht zu sagen diskriminiert. Was läge näher als einen günstigen Moment abzupassen und einfach mal über den Flur zu schlendern und im Büro der Gleichstellungsbeauftragten zu klopfen. Ein bisschen peinlich war es mir ja schon, aber immerhin habe ich mich nicht vorher die schwitzigen Hände an der Hose abgewischt. Ich hatte nämlich keine. Schwitzige Hände, meine ich… Fr. Dr. Wendler öffnete sofort die Tür und ihr Mitarbeiter Herr Zwickies zog mir sogar höflich einen Stuhl zurecht, auf den ich mich setzen durfte. Welcher normale Mann würde so etwas tun? Aber Herr Zwickies ist kein normaler Mann. Er ist ein freundlicher, hilfsbereiter Gentlemen, der sich tagtäglich für die Probleme derer einsetzt, die von den bürokratischen Mühlen der Universität als perspektivlose Geisteswissenschaftler, die es eh nicht besser verdient haben, abgestempelt wurden. Während ich Herrn Zwickies, der mir aufmerksam zuhörte, von meinem kleinen Problem erzählte, machte Frau Dr. Wendler sich bereits Notizen, wer weswegen am besten wann angefragt wurde, worauf das Problem beruht und was möglicherweise unternommen werden könnte. Als ich eine gute halbe Stunde später das Büro verließ, konnte ich einen Kollegen am Fenster sehen, der mich belächelte. Soll er nur, denn von dem freundlichen Klima im Gleichstellungsbüro angesteckt, wünsche ich ihm, dass er nie in eine Situation kommt, in der ihm sein Irrglaube von Gleichheit aufgezeigt wird.

Also für alle, die sich nicht trauen, weil sie Angst haben belächelt zu werden, da der Platz am Fenster meiner ist, braucht ihr euch keine Sorgen zu machen 🙂

Neunuhrdreißig

•Februar 13, 2009 • 2 Kommentare

Rot geädert öffnet es sich, mein Auge. 7.39 Uhr. Durch mein Rollo dringt die erste Morgensonne. Niemand, der mich kennt, würde um diese Zeit anrufen und mit jemandem, den ich nicht kenne, will ich um diese Uhrzeit nicht telefonieren. Aber das penetrante Schrillen hört nicht auf. Es läutet so lange, bis ich die Decke zurückschlage und haareraufend rangehe.
„Ja.“
Einsilbigkeit ist mitten in der Nacht kein Verbrechen.
„Habe ich dich geweckt?“
Soll ich etwa meine eigene Mutter anlügen?
„Ruf noch mal an, wenn vor der Minutenanzeige ne zweistellige Zahl steht.“
Ich habe gerade die Hälfte der Strecke zum Bett zurückgelegt, als es wieder klingelt. Vielleicht hätte ich den Hörer daneben legen sollen. Was nicht ist, kann ja noch werden.
„Ja.“
Meine Mutter. Wieder.
„Ich habe ein Problem mit der Datei, die du mir geschickt hast.“
Gut. Dieses Problem hat sie in drei Stunden auch noch. Dann können wir drüber sprechen. Doch noch ehe ich diese Gedanken artikulieren kann, beginnt meine Mutter mit ihrer Der frühe Vogel fängt den Wurm Geschichte.
„Weißt du, ich sitze seit zwei Stunden am Rechner und da will ich nur mal deine Hilfe, aber du musst ja bis Mittag schlafen…“ Da ich die Leier schon kenne und mir sicher bin, ihr auch, werde ich an dieser Stelle mal einhaken und etwas dazu sagen. Jetzt, wo ich wach bin, kann ich nämlich meine Gedanken auch sortieren.
Also: Was in Gottes Namen soll ich machen, wenn ich um halb acht wach bin, außer mich ärgern, mich rumdrehen und hoffen, das ich bis mindestens um neun noch weiterschlafen kann? Erstens, die Bibliothek macht erst 9.30 Uhr auf. Zweitens, außer den Einführungsveranstaltungen, die nun gute 8 Semester hinter mir liegen, und einer Geschichtsvorlesung bei Herrn Prof. Dr. Friesel, der so alt ist, dass ich immer Angst habe Erste-Hilfe leisten zu müssen, liegen keine Veranstaltungen an der Uni vor 10 Uhr. Drittens, wenn ich am Campus was kopieren will und vor 9.30 Uhr komme, muss ich ne halbe Stunde warten, bis die Kopierer hochgefahren sind. Viertens, außer Brötchen, Waren vom Aldi oder Zeitschriften kann ich auch in der Stadt noch nichts kaufen, nicht mal in der Thalia, die brauchbaren Läden machen nämlich erst 9.30 Uhr auf. Und fünftens und letztens, gibt es Tage, an denen ich, ganz im Gegensatz zu den Menschen, die jeden Tag früh aufstehen und um vier oder so wieder zuhause sind, um dort ihren Tag ausklingen zu lassen, Wochentage, an denen ich bis 21 Uhr an der Universität Veranstaltungen habe.
So! Und wenn ich noch mal jemanden höre, der sich über die Zeiten aufregt, zu denen das Studentenleben beginnt, dann ist der Teufel los.

Zulassen

•Februar 6, 2009 • 2 Kommentare

Ich habe ein interessantes Gedicht entdeckt, als ich mich über den Akt der Zulassung zur Magisterprüfung informieren wollte.

Deine Kraft sinnvoll einsetzen heißt:
Lassen – Loslassen.
Überlassen – Zulassen.
Entlassen – Verlassen.
Weglassen.
von Udo Hahn

Lass es gut sein, habe ich mir daraufhin gedacht. Überlass das Zulassen denen, die davon Ahnung haben, denn wenn du dich so rundum vorher informierst, dann könnte man die Leute im Magisterprüfungsamt auch gleich Entlassen. Da fühlten sich dann allerdings alle anderen Verlassen und deswegen dachte ich, ich könnte die Vorbereitung weglassen. Hätte ich das mal gelassen. Denn als ich am Montag ganz früh vor der Tür des Magisterprüfungsamtes stand, wollte man mich noch nicht hinein lassen. Sie haben die Tür losgelassen und mich in der morgendlichen Kälte mir selbst überlassen. Was sollte ich anderes tun, als es zuzulassen? Gegen halb neun hat man mich dann doch eingelassen. Ich wartete im Flur und fühlte mich ein wenig verlassen. Eine halbe Stunde später wurde ich dann endlich zu der einzigen für Magisterprüfungen zuständigen Frau vorgelassen. Und diese wollte mich nicht Zulassen. Das konnte ich nicht fassen. Alle Scheine, alle Zeugnisse, nichts weggelassen und sie wollte mich noch nicht mal ausreden lassen. Wie soll man die Bürokraten da nicht hassen? Doch solch starke Gefühle konnte ich nicht zulassen, sonst würde sie mich sofort entlassen. Kurz war ich panisch, als sie sich erhob, doch schaffte ich es, sie an der Tür abzupassen. Sie hat sich von mir meine Pläne erklären lassen und kaum zu fassen, fast hätte sie ein Lächeln sehen lassen. Sie müsse sich erst noch überlegen mich vielleicht doch zuzulassen, aber sie würde sich nicht von mir reinreden lassen. Grau in Grau zogen sie an mir vorbei, die im Wartezimmer wartenden Massen, während die Frau im Magisterprüfungsamt mich hat zappeln lassen. Das hätte sie weglassen können und vielleicht hätte ich es auch nicht zugelassen. Wäre ich nicht so verlassen gewesen. Schlussendlich aber hat sie mich aber doch zugelassen.

Aber von wegen, was lange währt wird gut. Nein, was lange gärt wird Wut.

Stil-Ikone auf Abwegen

•Januar 23, 2009 • 8 Kommentare

Schmerzhaft, als hätte ich die E-Mail eben erst geöffnet, stehen noch die Worte vor mir, die ich als Quintessenz meiner ersten an der Universität abgegebenen Hausarbeit bekam. Kommen sie in meine Sprechstunde. Oder besser noch, suchen sie sich einen Job in der städtischen Müllabfuhr. Da gehört ihre stilistisch unwürdige Arbeit nämlich hin.
Einen schwächeren Geist hätte man damit vermutlich gebrochen, aber abgehärtet durch die harschen und niemals freundlichen Worte meiner Deutschlehrerin zu Schulzeiten, konnte mich diese Mail nicht ganz so sehr in den Boden rammen, wie vermutlich vom Dozenten beabsichtigt.
Heutzutage gibt man ja an der Uni Gott sei Dank anderen Methoden als dem altmodischen, persönlichen, verbalen Niedermetzeln von Studenten den Vorrang. Ähnlich nämlich, wie sich die Kampfkunst vom Nahkampf über den Stellungskrieg hin zu Langstreckenraketen entwickelt hat, erarbeitete man an der Universität verschiedene Konzepte zur Studentenbeseitigung. Natürlich kommt es ab und an mal noch vor, das alt bewährte, verbale Niedermetzeln, favorisiert werden aber Methoden der empirischen Sozialforschung, was weniger ein Stellungskrieg, als vielmehr Stochastik war, und vor allem Fridolin, die ultimative Waffe gegen Studenten. Fridolin klingt zwar wie ein scheues, nachtaktives Nagetier, aber in Wirklichkeit ist es die Atomwaffe der Universität. Fridolin, in dem ich mich mit Pin, Tan und unendlicher Geduld zu meinen Stundenplänen, und Studienbescheinungen durchwursteln muss, ist eine Geheimwaffe. So geheim, dass nicht einmal die Angestellten der Universität, die eigentlich für Auskünfte zuständig wären, über das Projekt bescheid wissen.
Aus diesem Grund traut man gerade in der Politikwissenschaft dieser Waffen nicht. Dort setzen die Dozenten auch heute noch auf die gute alte Diplomatie. Übersetzt heißt das: Sehr geehrte Frau Wedekind, sie schreiben kein Kinderbuch, sondern eine Hausarbeit, passen sie ihren Stil an und versuchen sie es nächstes Semester noch mal.
Oder: Ihr Stil ist ja ganz in Ordnung, bewerben sie sich doch bei der Bild-Zeitung, wenn sie ihre Exmatrikulationsbescheinigung abgeholt haben.
Gut, dachte ich mir, mein Stil gefällt ihnen also.

Bewährt mit der Gewissheit, dass es Menschen gibt, die mich für gut genug halten, um Informationen in Sätze mit weniger als vier Wörtern zu pBuchcoveracken und diese dann auch groß zu verkaufen, strebte ich also nach Höherem.
Ich hoffe, dass auch meine treuen Leser hier, ganz wie die zufriedenen Leser meiner Haus- arbeiten, meinen Stil, meine Geschichte und meine Charaktäre lieben werden.

Also für alle, die es herausfinden wollen:

Susann Wedekind
„1848. Revolution und Sehnsucht“
ISBN 978-3-938157-82-4

Frag niemals nie

•Januar 16, 2009 • 5 Kommentare

Mit rot geschwollenen Fingern schiebe ich die Schwingtüren im Universitäts- hauptgebäude auf und atmete ganz langsam tief durch, damit mein Atem sich beruhigt. Zwar will ich mich nicht wie Harry Potter und seine Freunde an dem dreiköpfigen Riesenhund Fluffy vorbei schleichen, aber mein Gegner ist ähnlich gefährlich. Auf Zehenspitzen trippele ich in den toten Winkel des auf seinem Stuhl Sitzenden und starre den verworrenen Plan des Universitätshauptgebäudes an. Ich muss zu Seminarraum 159. Da ich mal in Seminarraum 158 ein Geschichtsseminar hatte, weiß ich, dass es dahinter keine 159 gibt. Der Raum muss also irgendwo anders sein. Meine Augen gleiten über die grünen und roten Linien, 235, 147, 149, aber keine 159.
Was genau mich verraten hat, weiß ich nicht, doch plötzlich sehe ich mich ihm gegenüber, dem Universitären Faktotum… manchen nur unter der Fummelpförtner bekannt.
„Aber hallo.“
Mein Blick zuckt panisch den Gang entlang, doch es ist zu spät. Der kleine, unscheinbare Mann mit der Brille und dem glatt nach vorn gekämmten, schon leicht ergrauten Haar hat bereits nach meinen Händen gegriffen, sie zwischen seine dicken, kurzen Finger genommen und sich so dicht neben mich gestellt, dass ich jede Pore auf seiner Nase sehen kann.
„Habe ich ihnen schon ein schönes neues Jahr gewünscht?“
Hatte er?
„Ähm… nein.“
Aber ich hätte da ein paar Dinge, die ich mir jetzt gern wünschen würde. Ganz oben auf meiner Wunschliste steht, dass er meine Hände loslässt. Der Fummelpförtner ist für das dezente Ziehen meiner Finger jedoch völlig unempfindlich. Schlimmer noch.
„Ich mag ihre Art.“
Er meint nicht meine Art persönlich. Er meint mit Art eher so meine Art generell. Also Art im Sinne der Unterscheidung von Mann und Frau. Der Fummelpförtner mag Frauen. So, jetzt ist es raus.

Also für alle Erst-, Zweit- und Drittsemestlerinnen, diejenigen, die schon länger hier studieren hatten mit 100 % Sicherheit schon das Vergnügen mit dem Fummelpförtner: Wer bis jetzt noch nicht so oft im Universitätshauptgebäude hatten oder aus irgendeinem anderen Grund ums Fragen nach einem Raum, oder auf den Plan Starren herumgekommen ist… Lauf!
Geh und such in den unendlichen Wirren des Hauptgebäudes, denn denk immer daran, die Universität ist ein Dschungel und wie die gefährlichsten Tiere in Australien bewiesen haben, tödlich sind meistens die unscheinbaren kleinen.