Seniorenkolleg

Hornhautombra. Mit dieser Farbe würde ich die Umrandung der aschenbecherdicken Brillengläser des Mannes beschreiben, der auf seinen Stock gestützt im Uni Hauptgebäude vor dem Raumplan steht und unschlüssig in seiner Tasche herum tastet. Er trägt ein Tweedjackett und braune Kordhosen. Ein goldenes Kettchen verschwindet in der Tasche der Weste, die er unter dem Jackett trägt und sein schütteres Haar ist akkurat zur Seite gescheitelt. Ich will gerade weitergehen, als er sich kurz zu mir umdreht, als hätte er mich jetzt erst bemerkt. Riesige, neugierige, aufmerksam babyblaue Augen blinzeln mich durch das dicke Glas überdimensional vergrößert  an. Der Mann guckt nicht wie ein sechzigjähriger, sondern eher wie ein aufgeregter Sechsjähriger und Gänsehaut breitet sich auf meinen Armen aus.
Ich fühle mich ganz unvermittelt in die russische Kindergeschichte versetzt, die mich als kleines Mädchen traumatisierte. Es geht dabei um die Geschichte von Petja Subov und der verlorenen Zeit. Petja, dem kleinen Protagonisten der Geschichte wird seine Zeit von vier bösen Zauberern gestohlen, weil er nichts damit anzufangen wusste und diese vertrödelte. Petja wird zu einem alternden Greis und muss, um wieder jung zu werden, die drei anderen Kinder finden, denen ebenfalls die Zeit gestohlen wurde und gemeinsam mit ihnen in Form von Greisen gegen die Zauberer antreten. Die Geschichte war schlimm genug, als ich noch dachte, sie sei die Erfindung irgendeines russischen Psychopathen, der es nicht sehen konnte, wenn Kinder auch einfach mal nix machten. Aber nein, dort steht er vor mir. Petja. Er zieht ein Bonbon aus seiner Tasche, steckt es sich in den Mund und lächelt jungenhaft.
„Eier, Hasen und Lamm.“ Klärt er mich auf, ehe er auf seinen Stock gestützt den langen Gang entlang humpelt, bis er irgendwann aus meinem Sichtfeld verschwindet. Gerade, als ich mich halbwegs gefangen habe und meinen Weg fortsetze, sehe ich eine ältere Dame mit blumigem Faltenrock. Mich trifft der Schock. Sie verschwindet in Hörsaal 24 und dort sitzen sie. Unzählige Senioren, denen Begeisterung aus den vom Alter trüben Augen spricht und die gebannt auf die Tafel starren, als säßen sie das erste Mal in einem Klassenzimmer, würden das erste Mal Kreide riechen. Aber vorn steht kein böser Zauberer, der ihnen die Zeit gestohlen hat. Vorn steht eine der Dozentinnen, die einen Vortrag im Rahmen des Jenenser Seniorenkollegs hält und die den alten Menschen viel mehr ihre Jugend zurückgibt, als sie ihnen zu stehlen. Um Eier, Hasen und Lamm, Bräuche zu Ostern, ging es in ihrem Vortrag. Der bebrillte Petja war also doch nicht meschugge, nur informiert.

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~ von otzblog - März 27, 2009.

10 Antworten to “Seniorenkolleg”

  1. Hey, das ist ja lustig. Ich hab die Woche am UHG das Banner vom Seniorenkolleg hängen sehen. Riesige Schrift, wenig Worte 🙂 Seniorenfreundlich.

  2. Liebe Susi,

    ich mag Deinen Humor und das DrumHerum.

    Echt COOL, und doch mit Herz.

    Schmunzelnde Grüße
    Burcado

    PS.
    Ich wusste doch, dass ich mich auf den FREITAG freuen kann.

  3. Na da hat unsere Kolumnistin aber einen glühenden Bewunderer. Aber ich muss mich anschließen. Allerdings hab ich mal gegoogelt. Kein Eintrag zu der Kindergeschichte von Petja Subov. Schade eigentlich. Dachte, ich könnte mich mal belesen und gucken, was man für seine eigenen Kinder später ins Regal stellen kann 🙂

    • Ich weiß, Petja gibts nicht im Internet. Keine Ahnung warum das Buch weitestgehend unbekannt ist. Oder halt, doch…warte. Vielleicht liegt es ja daran, dass es traumatisierend wirkt. Nachdem meine Mutter mir die Geschichte vorgelesen hatte, habe ich Jahre gebraucht, um mal wieder entspannt einfach nichts zu tun… 🙂

  4. ay. hornhautombra ist auch nur ein euphemismus für kackbraun…

    • Jan mein Freund, du irrst dich. Kackbraun ist dunkler. Hornhautombra ist eine Mischung aus dem etwas weichen, breiigen Ton von Senf (man erinnere sich an Senf und Brot, unser aller lieblings TV-Sinnlos-Sendung) und irgendwas zwischen babymilchschissgelb und Kaffee mit Milch Braun. Manchmal sieht man Autos in dieser Farbe, im Sommer auch mal Frauen-, oder seit die Mode Flipflops für Herren entdeckte, auch Männerfersen in dieser Farbe. Sie wird gängig auch als Senioren-Modefarbe bezeichnet, habe ich gelesen. Wenn du weitere Infos möchtest, dann setze ich mich gern mit dir an die Straße und warte, bis dieser eine Opel Astra vorbeifährt, den man ab und an mal im Magdelstieg sichten kann. Der hat genau diese Farbe… 🙂

  5. Gibt es Petja nicht im Netz? Bei Amazon habe ich Etwas gefunden von „Petja und seinen Freunden“. Aber hieß der geistige Vater, der Schocker, wirklich Tscharuschin?

    Schau mal.

    Liebe Grüße
    Burcado Ajad

    http://www.amazon.de/Petja-Freunde-Geschichten-Kindern-Tieren/dp/379030199X

    • Also Petja und seine Freunde ist auf jeden Fall nicht die gleiche Geschichte. Aber was den Autor angeht… mh… hab meine Mama mal auf Büchersuche im Keller geschickt. Da habe ich sie nämlich gezwungen das Buch hinzutun. Wer will schon in seinem Kinderzimmer übernachten, wenn er mal zuhause ist und sich dem Buchrücken von Petja gegenüber sehen? Nachhause kommen heißt doch Beine baumeln lassen… Mama hat den Widerspruch zu meinem Entspannungsbedürfnis und der Petja-Problematik verstanden und sucht jetzt das Buch. Sobald sie was rausfindet, gebe ich bescheid 🙂

  6. Also meine Kinderbücher stehen noch im Schrank, das ist okay. Aber was ich persönlich unheimlich finde ist der Friedhof der Kuscheltiere, der mir vom Kleiderschrank aus entgegenstarrt… irgendwie sind die Knopfaugen immer vorwurfsvoll, seit ich einen Freund habe 😉

  7. das ist alles eine frage der definition. also philosophie. kackbraun kann, streng genommen, all diese farbeigenschaften besitzen, genauso wie es unzählige konsistenzen der masse bezüglich geben kann. es kommt ja immer auf den vorherigen input, die weiterverarbeitung und eventuelle additive an. deswegen ist jede farbschattierung des braun gleichzeitig auch -> kackbraun!

    für ein magdelstiegautospannerdate wäre ich zu haben, du bringst backbananen mit, ich tee und klappstühle. wann?

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