Neunuhrdreißig

Rot geädert öffnet es sich, mein Auge. 7.39 Uhr. Durch mein Rollo dringt die erste Morgensonne. Niemand, der mich kennt, würde um diese Zeit anrufen und mit jemandem, den ich nicht kenne, will ich um diese Uhrzeit nicht telefonieren. Aber das penetrante Schrillen hört nicht auf. Es läutet so lange, bis ich die Decke zurückschlage und haareraufend rangehe.
„Ja.“
Einsilbigkeit ist mitten in der Nacht kein Verbrechen.
„Habe ich dich geweckt?“
Soll ich etwa meine eigene Mutter anlügen?
„Ruf noch mal an, wenn vor der Minutenanzeige ne zweistellige Zahl steht.“
Ich habe gerade die Hälfte der Strecke zum Bett zurückgelegt, als es wieder klingelt. Vielleicht hätte ich den Hörer daneben legen sollen. Was nicht ist, kann ja noch werden.
„Ja.“
Meine Mutter. Wieder.
„Ich habe ein Problem mit der Datei, die du mir geschickt hast.“
Gut. Dieses Problem hat sie in drei Stunden auch noch. Dann können wir drüber sprechen. Doch noch ehe ich diese Gedanken artikulieren kann, beginnt meine Mutter mit ihrer Der frühe Vogel fängt den Wurm Geschichte.
„Weißt du, ich sitze seit zwei Stunden am Rechner und da will ich nur mal deine Hilfe, aber du musst ja bis Mittag schlafen…“ Da ich die Leier schon kenne und mir sicher bin, ihr auch, werde ich an dieser Stelle mal einhaken und etwas dazu sagen. Jetzt, wo ich wach bin, kann ich nämlich meine Gedanken auch sortieren.
Also: Was in Gottes Namen soll ich machen, wenn ich um halb acht wach bin, außer mich ärgern, mich rumdrehen und hoffen, das ich bis mindestens um neun noch weiterschlafen kann? Erstens, die Bibliothek macht erst 9.30 Uhr auf. Zweitens, außer den Einführungsveranstaltungen, die nun gute 8 Semester hinter mir liegen, und einer Geschichtsvorlesung bei Herrn Prof. Dr. Friesel, der so alt ist, dass ich immer Angst habe Erste-Hilfe leisten zu müssen, liegen keine Veranstaltungen an der Uni vor 10 Uhr. Drittens, wenn ich am Campus was kopieren will und vor 9.30 Uhr komme, muss ich ne halbe Stunde warten, bis die Kopierer hochgefahren sind. Viertens, außer Brötchen, Waren vom Aldi oder Zeitschriften kann ich auch in der Stadt noch nichts kaufen, nicht mal in der Thalia, die brauchbaren Läden machen nämlich erst 9.30 Uhr auf. Und fünftens und letztens, gibt es Tage, an denen ich, ganz im Gegensatz zu den Menschen, die jeden Tag früh aufstehen und um vier oder so wieder zuhause sind, um dort ihren Tag ausklingen zu lassen, Wochentage, an denen ich bis 21 Uhr an der Universität Veranstaltungen habe.
So! Und wenn ich noch mal jemanden höre, der sich über die Zeiten aufregt, zu denen das Studentenleben beginnt, dann ist der Teufel los.

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~ von otzblog - Februar 13, 2009.

2 Antworten to “Neunuhrdreißig”

  1. Liebe Susi,

    deine Schreibe gefällt mir. Ich freue mich schon auf nächsten Freitag.

    Love
    Burcado

    PS.
    In der Zwischenzeit kann ich ja mal durch deine Seiten scrollen.

  2. Ich kenne das auch. Bei mir ist es immer Oma, die dann erzählt, dass sie früher um vier schon auf dem Feld standen. Kann sie ja gerne machen. Auf dem Feld gibts um vier ja auch schon was zu tun. An der Uni nicht mehr oder wenn, dann höchstens noch… 🙂

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