Blutrausch

Das Wartezimmer ist die Seele einer Arztpraxis.
Aber die Wahrheit über die Qualität einer Praxis verraten die Hände der Arzthelferinnen. Die Hände der Arzthelferin, die mich auf die Liege presst, sind zwar warm und gepflegt, dafür ist das, was sie darin hält, Teufelszeug.
Die Nadel ist groß genug, um mir das Kleinhirn abzusaugen und ich dachte, sie will nur ein bisschen Blut.
Aber ich bin erwachsen, ich versuche mich zu entspannen. Die Arzthelferin tippt auf meinem Arm herum und macht lustig Konversation.
„Wussten sie, dass die Venen zusammenklappen, wenn der Patient Angst vor der Spritze hat?“
Ich habe keine Angst vor der Spritze. Ich habe Angst vor dem, was diese riesige Nadel mir antut. Als die Schwester die Spritze angekippt hat, konnte ich durch die Nadel hindurch ihr Gesicht sehen. Muss ich mehr sagen?
„Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen.  Das wird schon.“
Ich kann mir eh bald keine Gedanken mehr machen, weil in den riesigen Bottich, der hinten an der übergroßen Nadel hängt, so viel Blut passt, dass kein Sauerstoff mehr in mein Gehirn transportiert werden kann, wenn sie den Behälter mit meinem Blut gefüllt hat.  Aber die Arzthelferin stört das augenscheinlich wenig.
Sie drückt an meinem Arm herum, tippt, seufzt.
„Machen sie mal eine Faust. Ja so. Und auf und zu.“
Folgsam wie das sprichwörtlich festgeschnallte Opferlamm befolge ich ihre Befehle, so gut ich kann. Da ich meine Finger aufgrund der unglaublich fest geschnallten Aderpresse kaum noch spüre wird die Faust eher so eine halb offene Bettelpfote. Die Arzthelferin mit der Spritze schwebt über mir wie das Damoklesschwert in Person.
„Ich versuch’s einfach mal.“
Vielleicht, aber nur ganz vielleicht, wenn sie nichts gesagt hätte, hätten sich meine Venen auch nicht schlagartig so weit in den Körper zurückgezogen, dass ich noch Stunden später aufgrund der mangelnden Durchblutung meiner oberen Hautschichten mächtig gefroren habe.  Aber das ist natürlich nur die Vermutung eines Laien bei seiner ersten Nahtoderfahrung.
Tatsache ist, dass ich nochmal hin muss. Sobald die kraterigen Löcher in meinen Armbeugen soweit verheilt sind, dass man nicht gegen den Hippokratischen Eid verstößt, wenn man sich mir nochmal mit einer Nadel nähert.

Susi Sedierungsangst

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~ von otzblog - Oktober 24, 2008.

2 Antworten to “Blutrausch”

  1. Da kannst du dir ja mit meinem Liebsten die Hand reichen. Der wird auch immer ganz blass …

    Mir ist die Angst beim Blutspenden vergangen … das war was, was ich unbedingt machen wollte.

  2. Hey, viel lustiger ist es, wenn die Arzthelferin die Nadel reinsticht, dass Gerät eine Weile rüttelt, man dann aber mit einem Aufmerksamkeit erregendem „Äh…“ darauf hinweist, dass ja die Leitung erst am Ventil geöffnet werden muss.
    Fairerwaise sei erwähnt, dass das einen Tag vor deren überfälligem Urlaub war — und so rot angelaufen war /Sie/ bestimmt schon lange nicht mehr 🙂
    Auch sowas überlebt man als Spender!

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