Schwarze Löcher

Diesmal geht es nicht um Cern. Cern ist ja auch ein gutes Stück weg und wie es so oft heißt: Aus den Nachrichten, aus dem Sinn, oder so… Diesmal geht es um Abgründe, die sich in Jena auftun. Jedes Jahr um diese Zeit.
Wie im Frühjahr die Krokusse, schießen im Herbst die Baugerüste aus dem Boden. Überall zwischen den vom Wind heruntergerissenen Blättern liegen Pflastersteine. Feiner Sand weht aus tiefen Gruben, in denen Rohre freigelegt wurden, über die Straße. Die Arbeiter hören schlechte Musik, oder gar nichts, weil ihre Rüttler so laut rütteln. Und ich habe mich gefragt, woran das liegt. Nicht das mit der Musik. Ich habe mich gefragt, woran es liegt, dass jedes Jahr im Herbst die Straßen aufgerissen werden, als wäre es eine Obsession der Bauunternehmen.
Also habe ich diese Frage mal an jemanden weitergegeben, der es wohl wissen muss.
„Entschuldigung?“
Der Bauarbeiter steht ohnehin gerade herum, auf eine Schaufel gestützt, die sich dermaßen durchbiegt, dass ich Angst habe, der Stiel bricht und der rundliche, mittelgroße Mann mit dem wettergegerbten Gesicht stürzt, bevor ich zu meiner Frage gekommen bin. Die Männer reißen die Kronfeldstraße auf. Seit Tagen immer ein Stück weiter.
„Ich habe mich gefragt, warum man ihnen solche Arbeiten immer im Herbst zumutet, wo es so feuchtkalt ist.“
Er guckt mich an, als wäre ich ein Paradiesvogel. Das bin ich nicht. Ich trage einen laubfarbenen Mantel und einen orangen Schal in ordnungsgemäß herbstlichen Farben.
„Hey, Kurt[1], komma her, die Klene will was wissn.“
Geduldig zwirbele ich meine zum Schal passenden Pulswärmer zwischen den Fingern und warte bis Kurt sich aus der Grube geschwungen und die sandigen Hände an der Hose abgeputzt hat, ehe er sie in die Tasche gleiten lässt und sich ne Kippe herausholt.
„Was’n? Will se sich beschwern, dass se mitm Auto nich durch kommt?“
Eher nicht. Ich besitze kein Auto.
Kurt steckt sich seine Kippe an und inhaliert tief. Sein Kollege wiederholt meine Frage. Auch Kurt sieht mich an, als wäre ich ein Paradiesvogel. Naja, das ist die schmeichelhafte Umschreibung für das, für was er mich hält.
„Des is wegen dem Geld.“
Verständnislos heben sich meine Brauen.
„Sie wollen hier Geld finden?“
Der Bauarbeiter lacht.
„Na die Stadt kricht doch jedes Jahr Geld und das was sie nich übers Jahr verranzt, muss se am Ende des Jahres verbraten, sonst gibbet nächstes Jahr wenicher. Desterwechen buddln wir hier die Straßen uff und buddln se dann widder zu.“
Wow.
Die wollen hier kein Geld finden, die vergraben es hier!

von Susann Wedekind


[1] Name von mir geändert

Und hier noch etwas fürs Auge:
3 Iren bei der Arbeit
Drei Iren bei der Arbeit
Ein Bild für all diejenigen, die sich über die Baustellen immer aufregen. In Deutschland arbeiten wenigstens zwei und nur einer steht rum. In Irland sieht die ganze Sache anders aus. Also Kopf hoch, es könnte schlimmer kommen.

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~ von otzblog - Oktober 17, 2008.

Eine Antwort to “Schwarze Löcher”

  1. Die Kronfeldstraße ist übrigens die Tage wieder geschlossen worden. Unschöne schwarze Wülste verunzieren jetzt die Straße. Krüppelig drüber geparkt stehen dort wieder Autos. Nur auf der Kreuzung zur Jansonstraße kann man das Elend noch sehen…

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