Wenn’s mal wieder länger dauert…

Meine Stirn an die Scheibe gepresst, starre ich auf die rostigen Schienen, die Bolzen, mit denen sie gehalten werden und die dazwischen liegenden Bahnschwellen. Alles Andere, was es hier zu sehen gibt, habe ich schon angestarrt. Linkerhand sieht man riesige Kaliberge, davor eine Weide, drei Kühe. Rechts ist eine halbhohe Schallschutzmauer, dahinter Wald. Davor im Zug, ein Typ mit seinem Laptop. Seit einer geschlagenen Stunde huscht nun schon das Bahnpersonal durch die Waggongs, auf der Suche nach dem Grund für unseren Stillstand.
„Verehrte Fahrgäste. Wir bitten den unplanmäßigen Aufenthalt zu entschuldigen. Sobald der Fehler gefunden und behoben wurde, informieren wir sie über ihre nächsten Reisemöglichkeiten.“
Da bin ich aber mal gespannt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Fahrgästen bin ich zudem auch entspannt, denn dieser Zug fährt durch bis Mainz Hauptbahnhof, weshalb mich die Anschlusszüge nicht sonderlich interessieren. Was mich viel mehr interessiert, wäre die Frage, ob sich ein Fenster öffnen ließe, denn langsam aber sicher habe ich das Gefühl, dass der hier vorhandene Sauerstoff schon veratmet wurde. Gerade als ich mich zu einer Aktion entschließe, knackt es wieder im Lautsprecher.
„Verehrte Fahrgäste. Wir bitten sie, zu ihrer eigenen Sicherheit, Fenster und Türen geschlossen zu halten.“ Mein Blick wandert wieder hinaus in die Dämmerung. Die drei Kühe haben das Interesse an der Bahn verloren und äsen ein Stück weiter hinten. Bis zum Fuß des kleinen Dorfes, das am Horizont golden leuchtet, ist da nichts als Wiese. Aber gefügig, wie man als Fahrgast bei der Bahn sein muss, halten wir die Fenster und Türen geschlossen. Irgendwo in einer der Sitzgruppen vor mir telefoniert eine Frau hektisch, schimpft ärgerlich ins Telefon und heizt die ohnehin nicht sonderlich friedfertige Stimmung der restlichen Passagiere auf.
Da, ganz plötzlich, ruckt die Bahn an, rollt drei Meter und verharrt dann wieder. „Verehrte Fahrgäste, wir haben die Ursache der Störung gefunden. Eine gezogene Notbremse hat den Schaden verursacht. Der Verantwortliche möchte sich bitte beim Bahnpersonal melden. Vielen Dank, für ihre Geduld.“
Hatten wir eine Wahl? Die hektisch Telefonierende springt auf und zerrt an einem Fenster, wütend ihr Telefon auf den Tisch klatschend. Der Typ mit seinem Laptop blickt auf und klappt seinen Computer zu. Irgendwo zwischen Bebra und Fulda scheint es ein Funkloch zu geben. Dank des kleinen drei Meter Rucklers ist die Deutsche Bahn mitten drin, statt nur dabei.

Ich möchte mich an dieser Stelle nicht nur für die vorzügliche Betreuung und Informationspolitik der Deutschen Bahn bedanken, die unseren abendlichen Aufenthalt im hessischen Hinterland ereignisreich gestaltet hat, sondern auch dafür, dass die Klimaanlage wieder eingeschaltet wurde. Fast schon hatte ich befürchtet, ich würde nicht auch einmal in den Genuss einer schweren Erkältung kommen, von der mir so viele meiner bahnfahrenden Freunde berichtet hatten. Aber meine Sorge war natürlich unbegründet. Die Bahn sorgt doch für ihre Kunden.

Susi Sitzfleisch

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~ von otzblog - September 5, 2008.

5 Antworten to “Wenn’s mal wieder länger dauert…”

  1. Hier noch ein Tip für alle leidenschaftlichen Bahnfahrer: Wenn eure Schleimhäute angeschwollen sind und es euch zum Dampfbad zieht, lasst die Finger von Kamille. Die reizt eure Augen und das hat ja im Prinzip schon die kalte Zugluft der Klimaanlage besorgt… ist ein Erfahrungswert, denn nun schlage ich mich mit Bindehautentzündung rum… tja, von nichts kommt nichts 🙂

  2. nein, susilein, eine bindehautentzündung?? man hats auch nicht leicht in mainz mainz mainz mainz mainz…haha;)! eine Frage: bei „Freitag ist…“ kann ich nichts schreiben- bzw erklär mir bitte schritt für schritt wie ich meine gedanken dazu hier verschriftlichen kann! bis denn bitte ohne krankheiten;)

  3. kleiner vorschlag für die blogroll : http://www.xn--hr-bild-90a.com oder auch http://www.hör-bild.com 🙂
    bitte mehr fotos!
    mfg aus berlin und jena eric p

  4. Ah, die Fotoproblematik: Noch ist das hier ein Blog mit beschränkten Zugriffen und Speicherplatz. Wenn er gut läuft, gibt’s mehr… also nicht nörgeln, sondern was dazu beitragen, dass ich bald viele viele Bilder online stellen kann 🙂
    lg nach Berlin und Jena

  5. Ich bin heute mit dem Auto von Jena nach Mainz gefahren und da sehe ich doch genau die Weide, auf der die Bahn gehalten hat. Zwei leere Gleise und drei gelangweilt herumstehende Kühe. Es war genau bei Wildeck-Obersuhl. Für alle, die mal bei Google Maps nachsehen wollen WIE langweilig der Halt dort wirklich war 😉

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