Zu Gast

Fast grünlich flackert das schwache Licht über den endlos erscheinenden Flur, auf dessen nadelgefilztem Boden undefinierbare Flecke sich, wie ein Leitfaden, bis zur Zimmertür ganz hinten im Gang ziehen. Gerade, als ich die zweite der acht Türen auf dem Flur passiert habe, haucht eine der Lampen an der leicht vergilbten Decke ihr Leben aus. Dunkelheit ist hier ein klarer Vorteil, wenngleich ich dann die abgewetzte Matratze nicht sehen kann, die im Flur für etwaige Gäste steht und bei der ich mir sicher bin, durch Berührung irgendwo Ekelpecks zu bekommen. Ich bin nicht auf einem Gefängnisflur, sondern im Wohnheim in Mainz.
An sich ist das eine schöne Sache, denn ich wohne verhältnismäßig erschwinglich und da ich mal wieder ein unbezahltes Praktikum mache, um nicht hoffnungslos in die Arbeitslosigkeit hinein zu studieren, kann ich mich über die ideale Wohnlage auf dem Campus und nahe meines Praktikumsortes nur freuen. Allerdings gibt es einen Haken an der Sache.
Fünf Haken, um genau zu sein.
Diese fünf Haken kommen aus dem Land der Olympischen Spiele und sind leider der deutschen Sprache nicht mächtig. Was gibt es für ein kommunikatives Wesen wie mich schlimmeres als unüberbrückbare Sprachbarrieren?
Gut, vielleicht sind die kleinen, stinkenden Fischchen, die sie in Salzwasser kochen grenzwertig, aber damit werde ich fertig, ehrlich. Womit ich nicht fertig werde, ist die dröhnende Stille auf dem, von den Flecken mal abgesehen, sterilen Wohnheimflur. Doch viel schlimmer noch, als die Stille auf dem Flur, ist das einsame, weiße Zimmer, in dem einzig meine bunte Bettwäsche die Situation aufmuntert. Naja, und da ist der Kühlschrank, der durch sein latentes Surren die erdrückende Schweigsamkeit ein wenig mildert. Versonnen starre ich vor mich hin, fast schon Schneeblind von dem aufdringlich ununterbrochenen Weiß der Wände, als ich wieder eine sehe.
Mücken. Ich habe bestimmt schon 5 erlegt, aber da sind noch ungefähr 27. Nachdem ich wieder zugeschlagen habe und einen Lappen aus der Küche holen will, um das tote Tier von dem Fliesenspiegel im winzigen Bad meines 10 Quadratmeterzimmers zu wischen, sehe ich etwas aus dem Augenwinkel. Einer meiner Mitbewohner huscht über den Flur.
Einen kurzen Augenblick keimt Hoffnung in mir auf und ich will zuschlagen, ihn ansprechen, meine Einsamkeit vertreiben, als ich etwas aufglimmen sehe. Es ist groß, weißlich grau und hängt locker zwischen den fest zusammengepressten Lippen des Chinesen, dessen Blick auf den Boden gerichtet ist. Seufzend gebe ich mich geschlagen.
Mit einem bekifften Chinesen werde nicht mal ich versuchen ein Gespräch auf Englisch in Gang zu bringen!

Susi Sonderwohnen

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~ von otzblog - August 22, 2008.

2 Antworten to “Zu Gast”

  1. Gestern hatte ich es in der Hand, der Deutsch-Chinesischen Freundschaft den Todesstoß zu versetzen. Wie kleine Gremlins lauerten meine Mitbewohner in ihren Zimmern, die Ohren an die Türen gepresst. Ich war in der Küche. Ein Grund für sie, nicht aus ihren Zimmern zu kommen, ganz egal ob die Blase drückt, oder man so vielleicht den Bus verpasst. Nur diesmal war es schlimmer: Ihr Essen war im Backofen.
    Ganz langsam nahm es eine dunklere Färbung an, von Goldgelb zu Brikettbraun. Vielleicht hätte ich ausharren sollen, warten, bis sie ihre Zwischenmenschlichen Ängste überwinden, des Essens wegen. Aber mir waren fünf satte Schleicher lieber, als fünf hungrige Chinesen, die plötzlich Kontaktfreude entwickeln…

  2. Hallo Susi,
    dann sei bloß froh, dass dein Abstecher in dunkle Mainzer Wohnheimflure nur von relativ kurzer Dauer ist. Aber ich hoffe ja trotzdem noch, dass du ein wenig Zugang zu dem fernöstlichen Kulturkreis bekommst. Vielleicht kommst du ja mit einer Flasche Reiswein weiter. Wie auch immer, viel Glück bei der Erforschung ferner Kulturen.

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