Das Haar in der Suppe

Ganz plötzlich wird es dunkel um mich herum.

Gewünscht hätte ich mir das in der vergangenen Nacht, als um fünf Uhr früh zwei nach Wodka-Redbull und Schweißsocken stinkende Briten in das Zimmer gestolpert kamen, in dem bereits ein Norweger schnarchte, als wäre er kurz vor dem Verenden. Der Lüfter, der in dem Zimmer permanent rattert, weil man das riesige Panoramafenster zur Straße nicht aufmachen kann – an sich ist das eigentlich kein Problem, denn dafür hört man die Straßenbahn vor der Tür auch nicht ganz so laut – surrte penetrant und der Schlaf war weiter weg als Jena.

Ganz im Gegensatz zu gestern Nacht, muss ich gestehen, hätte ich jetzt doch schon gern Licht, denn der 1 m² Duschraum hat kein Fenster. Innerlich habe ich mich der Situation in der Duschkabine allerdings schon ergeben, als ich festgestellt habe, dass es kein warmes Wasser gibt, also Ruhe bewahren. Vermutlich reinigen die Iren in diesem Hostel in Dublin aufgrund dieses Warmwassermangels die Fußböden mit so ätzenden Chemikalien, das einem die Augen brennen und auf dem Bauch schlafen unmöglich ist, weil die im Schutzreflex angeschwollenen Schleimhäute da nicht mehr mitmachen, habe ich mir überlegt, während mein Körper sich gegen das Eiswasser sträubt, das nur in vereinzelten Strahlen aus dem Duschkopf tropft.

Seufzend taste ich mich an der Wand entlang. Es gibt vermutlich wenig ekeligeres, als in vollkommener Dunkelheit an einer plastikverschalten Wand entlang zu tasten, bei dem Versuch so wenig wie möglich mit dem leicht schimmeligen Duschvorhang in Berührung zu kommen. Ekeliger ist nur, wenn man feststellt, dass jedes Bemühen vergeblich ist.

Wie eine zweite Haut legt sich das schimmelige Grün an meinen Oberschenkel. Erschaudernd schiebe ich den Vorhang zur Seite, meine Füße in die Schuhe und taste nach meinem Handtuch.

Der Lichtschalter für die winzige Duschkabine ist draußen auf dem Flur und schaltet auch das Licht dort an und aus. Die zwei Franzosen, die auf diesem Flur wohnen, waren ganz offensichtlich gegen den vermeintlichen, irischen Saus und Braus, was angeschaltete Flurlampen angeht. Schon zum dritten Mal in den letzten fünf Minuten.

Ich drücke den Schalter und verschwinde wieder in dem winzigen Duschraum. Es wird wohl das letzte Mal sein, das ich in Irland dusche, wenngleich ich noch zwei Tage in dem Bett mit der pullerdichten Unterlage verbringen muss, die einem deutlich macht, dass der Mensch jede Nacht einen Liter Flüssigkeit ausschwitzt.  

Aber was wäre ein Urlaub ohne das Haar in der Suppe, das einen daran erinnert, wo man zuhause ist, wo alles so ist, wie man es kennt, sich eingerichtet hat und wo man seinen Kopf aufs Kissen legt und einfach ungestört schläft.

Wären nicht alle Menschen in Irland, diesem faszinierenden, hügeligen Land mit

seinen Küstenlandschaften, charmanten Kleinstädten und freundlichen Bewohnern, gäbe es nicht die ein oder andere Kleinigkeit, die einem unangenehm aufstößt?

 

Susi Schnappschuss

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~ von otzblog - August 15, 2008.

Eine Antwort to “Das Haar in der Suppe”

  1. hallo freundin! klingt gruselig, aber als backpackertourist gehören solche erlebnisse leider zum alltag.
    falls sie demnächst mal wieder in jena verweilen, ich habe eine kleine überraschung…

    grüße: jan von den über druckern.

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