Auf Wanderschaft

Breitbeinig watschele ich zwischen den Regalen der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek hindurch. Dieses abstruse Verhalten hat weniger mit tatsächlichem Unwohlsein im Zwischenbeinbereich zu tun, als vielmehr mit den argwöhnischen Blicken, die ich bereits beim Erklimmen der Treppe auf mich gezogen habe. Man mag kaum glauben, dass die leisesten Geräusche, die vermutlich jeder Mensch beim Gehen macht, für manche Leute schon ein Verbrechen sind, aber hier, in den heiligen Hallen der Bücheraufbewahrung ist dem so. Noch mal einen kurzen Blick auf meinen Zettel werfend, atme ich erleichtert die etwas stickige Luft ein, die mit einer zarten Note Ozon von den Kopierern und einem Hauch Schweiß von den Kopierenden gewürzt ist. Auf meinem Zettel steht nur ein einziges Buch. Jovial watschele ich in den hinteren Teil der Bibliothek. Die kurze Signatur zeigt mir, dass ich vor dem richtigen Regal stehe.

Eilig zirkele ich um die kleinen, hockerähnlichen Trittleitern herum, die es auch Menschen meiner Größe ermöglichen an die oberen Regalreihen zu kommen und gleite beschwingt mit dem Finger über die unteren Buchrücken. Phi:Zm… unsicher sehe ich mich um. Hier sollte doch Phi:Dd stehen. Kopfschüttelnd watschele ich zurück zum Regalende und betrachte angelegentlich das gerahmte Blatt mit den Signaturverweisen. Phi:Dd. Ich habe mich nicht verguckt. Meine Jeans schubbelt leise, als ich zurück zwischen die Regale steuere. Phi:Zm. Irgendetwas stimmt nicht, denn genau hier müsste das gewünschte Exemplar stehen. Bestimmt hat wieder einer von diesen miesen Pseudophilosophen das Buch mit der Zm-Signatur verstellt, damit niemand anderes es findet. Das ist hier in der Bibliothek so was wie Ausleihen für den Eigenbedarf. Wütend über soviel Egoismus gleitet meine Hand übers Regal, doch noch während meine Finger zu dem Buch hinaufwandern, sehe ich die Reihe entlang. Hier stehen überall Zm-Signaturen.

Inventur.

Na klasse! Aber gut, so viele Möglichkeiten gibt es ja nicht. Ich kehre also um und gehe einige Regale weiter zur eigentlichen Zm-Signatur. Gleich oben an der Ecke steht ein Pd-Buch. So eine Inventur kann schon ganz schön verfuchst sein. Möglichst lautlos watschele ich weiter. Gl steht bei Nd und Dp unter Pf. Irgendwo zwischen Hz und De habe ich dann den Faden verloren. Frustriert schiebe ich einen der kleinen, grauen Hocker mit dem Fuß zur Seite, als ein wütendes pssst von irgendwo aus der Fensterreihe zu mir herüber dringt, gefolgt von ein paar herrisch geflüsterten Worten.

<<Wenn du wandern gehen willst, dann verschwinde in den Wald. Es gibt auch Leute, die wollen hier arbeiten.>>

 

Susi Sekundärliteratur

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~ von otzblog - Juli 4, 2008.

2 Antworten to “Auf Wanderschaft”

  1. Susi, wie Recht du doch hast! Egal ob Öko oder BWL, alle schauen sich bei dem leisesten menschlichen Geräusch um- blöderweise bin ich es, die gern in der Bib small talkt und daher Adressat unverkennbarer „halt- den- mund- da- vorne!“- Räusperer ist!
    Aber aus irgendeinem Grund „treffe“ ich einige Leute nur in der Bibliothek- nicht „Hallo“ zu sagen, würde die Freundschaft zerstören;)

  2. Ich bin total begeistert von Deinem blumigen und doch so kritischen Schreibstil. Weiter so! Du triffst mit jedem Wort den Nagel auf den Kopf und es ist mir eine Freude, gedankenverloren in Deinen Text einzutauchen und beim Verinnerlichen der Zeilen zu bemerken, es gibt tatsächlich noch andere, denen es so ergeht wie mir ;o)
    Beste Grüße und ein dickes, ehrliches Lob!

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