Picasso

Ein bisschen unangenehm drückt das edle Kirschbaumholz in meinen Rücken, als ich versuche es mir in einem der vanillegelb gestrichenen Seminarräume im Unihauptgebäude bequem zu machen.  Schade eigentlich, dass der ausklappbare Tisch beim halbwegs bequemen Lümmeln zu dicht dran ist, für akkurates Sitzen und Mitschreiben aber zu weit weg. Bekümmert richte ich mich auf, nachdem das dritte Mal mein Fuß von der winzigen, zum Abstützen ungeeigneten Kante der Bankreihe vor mir abgerutscht ist. Seit ich das letzte Mal hoch gesehen habe, hat sich nichts verändert. Unser Dozent steht noch immer mit dem Rücken zum Plenum und zeichnet wilde schwarze Skizzen vom Orient an die weiße Plastiktafel. Er ist schon in einem fortgeschrittenen Stadium seiner obskuren Malerei, denn auf die vagen Umrisse der Mittelmeerküste hat er Linien gemalt. Dicke und dünne schwarze Striche, die sowohl Handelswege, als auch befeindete, benachbarte und begrabene Reiche kennzeichnen. Ganz plötzlich dreht er sich um, steckt jovial die Kuppe auf das Ende des Stiftes und mustert uns.  << Weiß einer von Ihnen, welche Verbindung es zwischen den Mamluken und der Goldenen Horde gab? >> Ähm, nein, würde ich vermuten. Ich wage sogar zu bezweifeln, dass außer ihm überhaupt schon mal jemand was von der Goldenen Horde gehört hat. Er sieht aus, als denke er ähnliches und fängt an auf seinem Stift herumzukauen, einen vagen Blick auf die Tafel werfend. << Ich denke das reicht erstmal an Skizzen. >> Ja, das denken wir alle. Schon seit mindestens zwanzig Minuten. Dankbar lächeln wir ihn an. Ein bisschen devotes Zustimmen hat noch nie geschadet, vor allem nicht, wenn es darum geht, das Klima in einem derart beengten Raum freundlich zu halten.  Selbstvergessen fängt er an über die Goldene Horde zu sprechen, ihre Machtausdehnung, Handelspartner und alles, was dazu gehört. Mein Fuß zuckt zu der kleinen Kante in der Bankreihe vor mir, als Picasso sich umdreht und noch ein paar Linien auf die fast schwarze Tafel zeichnet. Dann lächelt er wieder ins Plenum, nachdenklich auf seinem Stift herumkauend. Er dreht den dicken, schwarzen Edding  und spielt damit an seinem Gesicht und zwischen den Fingern. Ob er weiß, dass er den Stift noch nicht zugemacht hat?

 

Susi Strawinsky

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~ von otzblog - Juni 27, 2008.

2 Antworten to “Picasso”

  1. Ach ist das schön, mal wieder gedanklich in die Studentenzeit zurückzufliegen.
    Vielleicht wollte Picasso die „Kriegsbemalung“ der Goldenen Horde ja verdeutlichen? Damit Studenten lernen, sind sich manche Dozenten eben für nichts zu schade! Also hinterfragt immer die Motive;-)

  2. Und dazu noch eine Karrikatur, das wäre dazu noch erheiternder.
    Gruß aus der Heimat

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