Ausgebremst

Von wegen, der frühe Vogel fängt den Wurm! Dieser Vogel hier ist mit zerzaustem Gefieder unterwegs und hat Zahnpasta auf der Jeans. Aber es nützt alles nichts. Es ist fünf nach zehn und ich muss mich beeilen. Mit hochrotem Gesicht husche ich zwischen zwei Bahnen über den Löbergraben und ziehe das Tempo an. Es wird knapp. Völlig unvermittelt schlägt mir eine dicht stehende Wolke aufdringlich bunter Düfte aus dem „Yves Rocher“ entgegen und ich gerate aus dem Schritt. Die Synapsen in meinem Gehirn zünden wild drauf los, überfordert von dieser Reizüberflutung und in genau dem Augenblick schlagen sie zu: Tierschützer. Eine junge Frau mit einer Broschüre in der Hand, von deren Titelbild mich ein possierliches Nutria mit feuchten Augen anschmachtet, tritt mir in den Weg. Es ist sieben nach zehn. Die junge Frau lächelt mich aus großen, vom Unrecht der Welt getrübten Augen an und streckt in einer fast flehentlich theatralischen Geste die Hand aus.
<< Du magst doch Tiere, nicht wahr? >> Sicher mag ich Tiere. Was ich nicht mag sind aufdringliche Passantenaufhalter.
<< Kann man nicht aus solchen da Mäntel machen? >> Ihr Blick folgt meinem Finger zu der Broschüre über Nerze, die auf dem beschatteten Stand liegt, hinter dem sie vorgeschossen kam. Meine Finte funktioniert, doch gerade als ich an ihr vorbei huschen will, hält ein junger Mann mit strahlend weißem Lächeln mich freundlich auf.
<< Mit nur zehn Euro im Monat hilfst du Leben retten. >> Für ihn wäre das viel einfacher. Er könnte mich vor einem langsamen, dem Sauerstoffmangel geschuldeten Tod im Seminarraum retten, wenn er nur endlich aus dem Weg ginge, denn noch besteht die Chance auf einen Platz am Fenster.
<< Ich nehme so ein Informationsheft mit. >> Meine Stimme klingt definitiv genervt, untermalt vom Ticken meines Sekundenzeigers. Der junge Mann schraubt sein Lächeln ein paar Watt höher.
<< Das ist schön.>> Seine Komplizin fängt an in einem Stapel Papieren zu wühlen. << Sie können das auch gleich hier ausfüllen. Dauert nur zwei Minütchen. >> Minuten, die ich nicht habe! Mein Blick huscht zur Uhr und resigniert sacke ich in mich zusammen. Der Drops ist gelutscht. Selbst wenn ich wollte, ich würde es nicht mehr rechtzeitig ins Seminar schaffen. Ärger regt sich in mir. Die Biberlady hat das Formular gefunden und kritzelt irgendwas darauf herum, dann hebt sie den freundlichen, vermeintlich unschuldigen Blick.
<< Wie war noch mal der Name? >> Ein aufdringlich blumiger Geruch wabbert aus dem „Yves Rocher“ zu mir herüber und meine Synapsen straucheln erneut.
<< De Vil. >> Unsicher hebt die junge Frau den Blick, aber ich habe ihr den Bogen Papier schon aus den verkrampften Fingern gezerrt und mich auf den Weg in Richtung Uni gemacht.
<< Curella De Vil. >>

Susi Seidenschal

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~ von otzblog - Juni 20, 2008.

3 Antworten to “Ausgebremst”

  1. Danke für die erfrischende Aufheiterung durch deinen Beitrag an diesem seltsam ruhigen, noch einsamen und sich ständig weiter verdunkelndem Sonntag. Man kann dich in diesen Geschichten so gut verstehen. Und wenn man dich kennt, kann man sogar laut lachen, weil man das ganze Szenario vor seinen Augen ablaufen sieht. 🙂
    Ganz liebe Grüße aus deiner Heimat!

  2. Habe mit Freude den Beitrag gelesen sehr erfrischend.
    Gruß aus der Heimat

    Va.

  3. Ich hab letzte Woche einem Flyer-Verteiler was zurückgeben wollen. Wollte der aber auch nicht. Haben wir dann beide unseren Werbemüll behalten.
    http://strudel.blogg.de/eintrag.php?id=1379

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