Fast vorbei

Nach der demütigenden Niederlage der deutschen Nationalmannschaft am vergangenen Abend, wandert mein Blick betroffen und demütig gesenkt über die unebenen Pflastersteine des Campus. Anders als sonst ist er menschenleer. Nirgendwo entdecke ich das kunterbunte Chaos, das an normalen Tagen zur Stoßzeit hier herrscht. Die deutsche Niederlage sitzt tief.
Wahrscheinlich ist niemand in der Uni, weil die Leute sich verstecken. Wo sind die ganzen Beine, die in allen Hautfarben wie Krokusse aus dem grauen Pflasterstein des Ernst-Abbe-Platzes sprießen, wohl sonst? Vermutlich recken sie sich himmelwärts, weil ihre Besitzer den Kopf in den Sand gesteckt haben. Schade, denn die kleinen, pilzähnlich kreisförmigen herumlungernden Gruppen und die hoch gezogenen Socken in abgewetzten Turnschuhen, an denen mein Blick so oft vorbeischrammt, fehlen mir. Das gehört dazu, wenn man über den Campus geht, gerade im Frühling.

Aber der ist ja auch fast vorbei.

Sehnsüchtig schweift mein Blick in die Ferne, bis zum nächsten Pflasterstein. Fast bin ich geneigt den Blick wirklich zu heben, um mich zu vergewissern, dass ich tatsächlich allein unterwegs bin, als mir etwas ins Auge springt: Späte Frühblüher. Wie über einen wurzelig, huckeligen Boden wabbert mein Blick über Flipflops, Sandaletten, weiße Sportstrümpfe in aufdringlich neonfarbenen Sportschuhen und ein Paar komplett nackter Füße.
Campus, du hast mich wieder, jubiliert mein Inneres und freudig gründelt mein Blick über die Füße, wie ein Wels auf Nahrungssuche. Es soll auch Menschen mit schönen Füßen geben, sinne ich tiefgründiger über den Hartnäckigen nach, der auch bei grauem Himmel und schafskalten 16 Grad barfuß auf den feucht aussehenden Steinen ausharrt. Dieses Exemplar gehört leider nicht dazu.

Aus schrecklich kotfarbenen Sandaletten ranken weiße Strunksen, in schwarzem Haarkleid, das über dem Knöchel endet, als würde der Besitzer eine Fleischsocke tragen. Schlechtes Wetter hat also ganz offensichtlich nicht nur zur deutschen Niederlage geführt, es hat auch seine Vorteile. Der weiß Bebeinte kratzt sich mit einem riesigen Zehnagel, der mich an die Velociraptoren aus Jurassic Park erinnert an der Wade und würgend eile ich weiter. Im Vergleich zum Elend auf dem Campus wirkt Deutschlands knappe Niederlage auf dem Rasen fast wie ein Erfolg.

 

Susann Wedekind

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~ von otzblog - Juni 12, 2008.

5 Antworten to “Fast vorbei”

  1. Herrlich! nee, wirklich. ich freu mich auf viel mehr lesbares von dir und hab dich gleich mal verlinkt, ggf folgt noch ein susi-special-post und so 😉
    willkommen in der blogwelt!
    [bis donnerstag früh, diesmal echt!]

  2. Hallo Susann,
    funktioniert alles, scheint zumindest gut gestartet. Ich lass mich mal überraschen, was es hier bald so zu lesen gibt.

    Ben

  3. Schau an, da steckt ja eine wahre Poetin in dir…weiter so! Hab deinen ersten Eintrag bis zum letzten Wort durchgelesen, obwohl Fußball absolut nicht mein Thema ist, kannst dir also was drauf einbilden! 😉 Ich wünsch dir ne schöne Woche und kreative Gedankengänge für den nächsten Erguss!

    MfG, der Anthony

  4. feines ding, fräulein wedekind! und dann gleich noch uns als „beste“ freunde verlinkt…na da muss dir franki wohl mal ein stracciatella-eis spendieren…

    sei gegrüßt.

  5. und da soll noch mal jemand behaupten, die deutsche Sprache wäre langweilig. bin gespannt auf weitere Beiträge!
    Gruß aus dem Schwarzwald (die wo kein Hochdeutsch schwätzen) Lutz

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