Neunuhrdreißig

•Februar 13, 2009 • 2 Kommentare

Rot geädert öffnet es sich, mein Auge. 7.39 Uhr. Durch mein Rollo dringt die erste Morgensonne. Niemand, der mich kennt, würde um diese Zeit anrufen und mit jemandem, den ich nicht kenne, will ich um diese Uhrzeit nicht telefonieren. Aber das penetrante Schrillen hört nicht auf. Es läutet so lange, bis ich die Decke zurückschlage und haareraufend rangehe.
„Ja.“
Einsilbigkeit ist mitten in der Nacht kein Verbrechen.
„Habe ich dich geweckt?“
Soll ich etwa meine eigene Mutter anlügen?
„Ruf noch mal an, wenn vor der Minutenanzeige ne zweistellige Zahl steht.“
Ich habe gerade die Hälfte der Strecke zum Bett zurückgelegt, als es wieder klingelt. Vielleicht hätte ich den Hörer daneben legen sollen. Was nicht ist, kann ja noch werden.
„Ja.“
Meine Mutter. Wieder.
„Ich habe ein Problem mit der Datei, die du mir geschickt hast.“
Gut. Dieses Problem hat sie in drei Stunden auch noch. Dann können wir drüber sprechen. Doch noch ehe ich diese Gedanken artikulieren kann, beginnt meine Mutter mit ihrer Der frühe Vogel fängt den Wurm Geschichte.
„Weißt du, ich sitze seit zwei Stunden am Rechner und da will ich nur mal deine Hilfe, aber du musst ja bis Mittag schlafen…“ Da ich die Leier schon kenne und mir sicher bin, ihr auch, werde ich an dieser Stelle mal einhaken und etwas dazu sagen. Jetzt, wo ich wach bin, kann ich nämlich meine Gedanken auch sortieren.
Also: Was in Gottes Namen soll ich machen, wenn ich um halb acht wach bin, außer mich ärgern, mich rumdrehen und hoffen, das ich bis mindestens um neun noch weiterschlafen kann? Erstens, die Bibliothek macht erst 9.30 Uhr auf. Zweitens, außer den Einführungsveranstaltungen, die nun gute 8 Semester hinter mir liegen, und einer Geschichtsvorlesung bei Herrn Prof. Dr. Friesel, der so alt ist, dass ich immer Angst habe Erste-Hilfe leisten zu müssen, liegen keine Veranstaltungen an der Uni vor 10 Uhr. Drittens, wenn ich am Campus was kopieren will und vor 9.30 Uhr komme, muss ich ne halbe Stunde warten, bis die Kopierer hochgefahren sind. Viertens, außer Brötchen, Waren vom Aldi oder Zeitschriften kann ich auch in der Stadt noch nichts kaufen, nicht mal in der Thalia, die brauchbaren Läden machen nämlich erst 9.30 Uhr auf. Und fünftens und letztens, gibt es Tage, an denen ich, ganz im Gegensatz zu den Menschen, die jeden Tag früh aufstehen und um vier oder so wieder zuhause sind, um dort ihren Tag ausklingen zu lassen, Wochentage, an denen ich bis 21 Uhr an der Universität Veranstaltungen habe.
So! Und wenn ich noch mal jemanden höre, der sich über die Zeiten aufregt, zu denen das Studentenleben beginnt, dann ist der Teufel los.

Zulassen

•Februar 6, 2009 • 2 Kommentare

Ich habe ein interessantes Gedicht entdeckt, als ich mich über den Akt der Zulassung zur Magisterprüfung informieren wollte.

Deine Kraft sinnvoll einsetzen heißt:
Lassen – Loslassen.
Überlassen – Zulassen.
Entlassen – Verlassen.
Weglassen.
von Udo Hahn

Lass es gut sein, habe ich mir daraufhin gedacht. Überlass das Zulassen denen, die davon Ahnung haben, denn wenn du dich so rundum vorher informierst, dann könnte man die Leute im Magisterprüfungsamt auch gleich Entlassen. Da fühlten sich dann allerdings alle anderen Verlassen und deswegen dachte ich, ich könnte die Vorbereitung weglassen. Hätte ich das mal gelassen. Denn als ich am Montag ganz früh vor der Tür des Magisterprüfungsamtes stand, wollte man mich noch nicht hinein lassen. Sie haben die Tür losgelassen und mich in der morgendlichen Kälte mir selbst überlassen. Was sollte ich anderes tun, als es zuzulassen? Gegen halb neun hat man mich dann doch eingelassen. Ich wartete im Flur und fühlte mich ein wenig verlassen. Eine halbe Stunde später wurde ich dann endlich zu der einzigen für Magisterprüfungen zuständigen Frau vorgelassen. Und diese wollte mich nicht Zulassen. Das konnte ich nicht fassen. Alle Scheine, alle Zeugnisse, nichts weggelassen und sie wollte mich noch nicht mal ausreden lassen. Wie soll man die Bürokraten da nicht hassen? Doch solch starke Gefühle konnte ich nicht zulassen, sonst würde sie mich sofort entlassen. Kurz war ich panisch, als sie sich erhob, doch schaffte ich es, sie an der Tür abzupassen. Sie hat sich von mir meine Pläne erklären lassen und kaum zu fassen, fast hätte sie ein Lächeln sehen lassen. Sie müsse sich erst noch überlegen mich vielleicht doch zuzulassen, aber sie würde sich nicht von mir reinreden lassen. Grau in Grau zogen sie an mir vorbei, die im Wartezimmer wartenden Massen, während die Frau im Magisterprüfungsamt mich hat zappeln lassen. Das hätte sie weglassen können und vielleicht hätte ich es auch nicht zugelassen. Wäre ich nicht so verlassen gewesen. Schlussendlich aber hat sie mich aber doch zugelassen.

Aber von wegen, was lange währt wird gut. Nein, was lange gärt wird Wut.

Stil-Ikone auf Abwegen

•Januar 23, 2009 • 8 Kommentare

Schmerzhaft, als hätte ich die E-Mail eben erst geöffnet, stehen noch die Worte vor mir, die ich als Quintessenz meiner ersten an der Universität abgegebenen Hausarbeit bekam. Kommen sie in meine Sprechstunde. Oder besser noch, suchen sie sich einen Job in der städtischen Müllabfuhr. Da gehört ihre stilistisch unwürdige Arbeit nämlich hin.
Einen schwächeren Geist hätte man damit vermutlich gebrochen, aber abgehärtet durch die harschen und niemals freundlichen Worte meiner Deutschlehrerin zu Schulzeiten, konnte mich diese Mail nicht ganz so sehr in den Boden rammen, wie vermutlich vom Dozenten beabsichtigt.
Heutzutage gibt man ja an der Uni Gott sei Dank anderen Methoden als dem altmodischen, persönlichen, verbalen Niedermetzeln von Studenten den Vorrang. Ähnlich nämlich, wie sich die Kampfkunst vom Nahkampf über den Stellungskrieg hin zu Langstreckenraketen entwickelt hat, erarbeitete man an der Universität verschiedene Konzepte zur Studentenbeseitigung. Natürlich kommt es ab und an mal noch vor, das alt bewährte, verbale Niedermetzeln, favorisiert werden aber Methoden der empirischen Sozialforschung, was weniger ein Stellungskrieg, als vielmehr Stochastik war, und vor allem Fridolin, die ultimative Waffe gegen Studenten. Fridolin klingt zwar wie ein scheues, nachtaktives Nagetier, aber in Wirklichkeit ist es die Atomwaffe der Universität. Fridolin, in dem ich mich mit Pin, Tan und unendlicher Geduld zu meinen Stundenplänen, und Studienbescheinungen durchwursteln muss, ist eine Geheimwaffe. So geheim, dass nicht einmal die Angestellten der Universität, die eigentlich für Auskünfte zuständig wären, über das Projekt bescheid wissen.
Aus diesem Grund traut man gerade in der Politikwissenschaft dieser Waffen nicht. Dort setzen die Dozenten auch heute noch auf die gute alte Diplomatie. Übersetzt heißt das: Sehr geehrte Frau Wedekind, sie schreiben kein Kinderbuch, sondern eine Hausarbeit, passen sie ihren Stil an und versuchen sie es nächstes Semester noch mal.
Oder: Ihr Stil ist ja ganz in Ordnung, bewerben sie sich doch bei der Bild-Zeitung, wenn sie ihre Exmatrikulationsbescheinigung abgeholt haben.
Gut, dachte ich mir, mein Stil gefällt ihnen also.

Bewährt mit der Gewissheit, dass es Menschen gibt, die mich für gut genug halten, um Informationen in Sätze mit weniger als vier Wörtern zu pBuchcoveracken und diese dann auch groß zu verkaufen, strebte ich also nach Höherem.
Ich hoffe, dass auch meine treuen Leser hier, ganz wie die zufriedenen Leser meiner Haus- arbeiten, meinen Stil, meine Geschichte und meine Charaktäre lieben werden.

Also für alle, die es herausfinden wollen:

Susann Wedekind
„1848. Revolution und Sehnsucht“
ISBN 978-3-938157-82-4

Frag niemals nie

•Januar 16, 2009 • 5 Kommentare

Mit rot geschwollenen Fingern schiebe ich die Schwingtüren im Universitäts- hauptgebäude auf und atmete ganz langsam tief durch, damit mein Atem sich beruhigt. Zwar will ich mich nicht wie Harry Potter und seine Freunde an dem dreiköpfigen Riesenhund Fluffy vorbei schleichen, aber mein Gegner ist ähnlich gefährlich. Auf Zehenspitzen trippele ich in den toten Winkel des auf seinem Stuhl Sitzenden und starre den verworrenen Plan des Universitätshauptgebäudes an. Ich muss zu Seminarraum 159. Da ich mal in Seminarraum 158 ein Geschichtsseminar hatte, weiß ich, dass es dahinter keine 159 gibt. Der Raum muss also irgendwo anders sein. Meine Augen gleiten über die grünen und roten Linien, 235, 147, 149, aber keine 159.
Was genau mich verraten hat, weiß ich nicht, doch plötzlich sehe ich mich ihm gegenüber, dem Universitären Faktotum… manchen nur unter der Fummelpförtner bekannt.
„Aber hallo.“
Mein Blick zuckt panisch den Gang entlang, doch es ist zu spät. Der kleine, unscheinbare Mann mit der Brille und dem glatt nach vorn gekämmten, schon leicht ergrauten Haar hat bereits nach meinen Händen gegriffen, sie zwischen seine dicken, kurzen Finger genommen und sich so dicht neben mich gestellt, dass ich jede Pore auf seiner Nase sehen kann.
„Habe ich ihnen schon ein schönes neues Jahr gewünscht?“
Hatte er?
„Ähm… nein.“
Aber ich hätte da ein paar Dinge, die ich mir jetzt gern wünschen würde. Ganz oben auf meiner Wunschliste steht, dass er meine Hände loslässt. Der Fummelpförtner ist für das dezente Ziehen meiner Finger jedoch völlig unempfindlich. Schlimmer noch.
„Ich mag ihre Art.“
Er meint nicht meine Art persönlich. Er meint mit Art eher so meine Art generell. Also Art im Sinne der Unterscheidung von Mann und Frau. Der Fummelpförtner mag Frauen. So, jetzt ist es raus.

Also für alle Erst-, Zweit- und Drittsemestlerinnen, diejenigen, die schon länger hier studieren hatten mit 100 % Sicherheit schon das Vergnügen mit dem Fummelpförtner: Wer bis jetzt noch nicht so oft im Universitätshauptgebäude hatten oder aus irgendeinem anderen Grund ums Fragen nach einem Raum, oder auf den Plan Starren herumgekommen ist… Lauf!
Geh und such in den unendlichen Wirren des Hauptgebäudes, denn denk immer daran, die Universität ist ein Dschungel und wie die gefährlichsten Tiere in Australien bewiesen haben, tödlich sind meistens die unscheinbaren kleinen.

Wider den Schnee

•Januar 9, 2009 • 2 Kommentare

Die heutige Kolumne möchte ich als eine Art Petition verstanden wissen. Eine Petition an diejenigen, die in Jena für Ordnung sorgen sollten, im Volksmund: Das Ordnungsamt.
Die Helfer in Blau mühen sich auch bei -20 Grad noch den Mount Magdel hinauf um in die kleinen, idyllisch verschneiten Nebenstraßen abzubiegen und in Form von orangen im Wind flatternden Blättern eine Anmutung von Herbst ins Leben der Menschen zu bringen. Natürlich benutzen die Mitarbeiter des Ordnungsamtes für ihre ehrene Aufgabe die von den Anwohnern ordnungsgemäß gereinigten und gestreuten Fußwege.
Ihr Vehikel parkt irgendwo weiter unten am Fichteplatz, weil es, nachdem bereits am ersten Tag keiner für Ordnung auf den Straßen jenseits des Magdelstiegs gesorgt hat, nun unmöglich ist die schmalen Kopfsteinpflasterstraßen ringsum per Mobil zu erklimmen. Mein Vorschlag zur Besserung der Gesamtsituation, denn das Magdelstiegbeispiel steht stellvertretend für beinahe alle Seitenstraßen Jenas: Wider den Schnee mit Rucksäcken!
Die Mitarbeiter des Ordnungsamtes kennen jede Straße, erklimmen jeden Gipfel und durchstreichen bei Wind und Wetter jede noch so kleine Sackgasse auf der Suche nach Falschparkern. Schnallen wir ihnen Rucksäcke mit Streugut auf und in ganz Jena werden nie wieder Autos stehen gelassen, weil die Straßen nicht gestreut sind.
Natürlich schneidet das Ordnungsamt sich damit ins eigene Fleisch, denn die durch versäumte Räumung nicht wegzufahrenden Fahrzeuge sind potentielle Goldesel, aber die oberste Aufgabe des Ordnungsamtes ist nicht die Geldeintreiberei, sondern Ordnung zu halten.
Also wider den Schnee, Ordnungsämtler!

Hier ein Auszug derer, die meine Petition bereits unterstützen:
- Emilia Eingefroren
- Zara Zugeeist
- Dorith Dauerfrost
- Gunther Glatteis
- Karl-Johannes Kaltefüße (ein sehr guter Bekannter von mir)
- Ulli Überfroren
- Millie Minusgrad

Mit Vorsatz

•Januar 2, 2009 • 2 Kommentare

Ganz so geht es dann doch nicht, ließ ich mir sagen, als ich dieses Jahr, getreu der „Du darfst“ Werbung verkündete: Ich will so bleiben wie ich bin. Vorsätze bräuchte man schon, die bringen einen voran. Meine Meinung, dass man nicht die Jahreswende braucht, um beständig an den kleinen menschlichen Fehlern herumzupfeilen, die man hat, verhallte ungehört. Also dann. Eingehend habe ich überlegt, was ich gern mit Vorsatz tun würde. Eingefallen ist mir dazu etwas, was ich lieber nicht mit Vorsatz tue, nämlich von der Kahlaischen Straße in Richtung Stadtzentrum direkt hinter dem Fußgängerüberweg verbotenerweise links abbiegen. Aber das ist ja auch gar kein Problem. Wenn ich nicht Blinke, tue ich es nicht mit Vorsatz. Also mein erster Vorsatz fürs neue Jahr: Nicht mehr blinken, wenn da ein Zwangspfeil geradeaus ist, ich aber abbiegen will.
So weit so gut. Mein zweiter Vorsatz hat etwas mit Vorsetzen zu tun. Vorgesetzt bekommt man nämlich in der Mensa generell ungesalzenes Essen, um nicht zu sagen geschmacksneutrales Allerlei. Nun bin ich meistens zu faul, mich von meinen gerade ergatterten Platz zu erheben und auf die Suche nach einem noch vollen Salzstreuer zu machen. Da diese Rarität in der Abbe-Mensa ungefähr so selten ist wie ein Euro aus dem Vatikan, lohnt sich die Suche meist auch nicht. Aber es sollte schon schmecken, was man sich in den Rachen schiebt. Mein zweiter Vorsatz fürs neue Jahr: Wenn das Essen in der Mensa nach nichts schmeckt, dann nicht verzagen, sondern die Mensaangestellten fragen.
Vielleicht, um die Sache abzurunden und drei ist ja auch eine gute Zahl, sollte ich noch einen Vorsatz mich persönlich betreffend notieren. Oft genug wird schließlich Kritik an meiner direkten, wenn Dank vorangegangener Vorsatzeskapaden auch nicht mehr taktlose Art geübt. Manch einer kritisiert meinen spitzen Humor, meine spitze Zunge, die Haare auf meinen Zähnen, meinen Eigensinn, meine Sturheit, meine strikten Bemühungen zur Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, die ich auch von anderen erwarte, meinen Aktionismus, Strebsamkeit, die lässiges Kaffeetrinken in der Mensa verhindert… Mein dritter Vorsatz fürs neue Jahr: Guck dir genau an, wer deine Freunde sind.

Und weil ich getreu diesem Vorsatz immer an das denken muss, was mein Vater mir mal erzählt hat, hier noch eine Weisheit für das Jahr 2009:

Es war einmal eine Maus, die rannte vor einer Katze davon. Dabei huschte sie über eine Weide und stieß mit einer Kuh zusammen. Die Kuh blickte auf die Maus hinunter und fragte sie argwöhnisch, was sie da tue. Die Maus keuchte, sie fliehe vor der Katze, die wolle sie fressen. Gutmütig deutete die Kuh hinter sich und versprach der Maus, sie vor der Katze zu verstecken. Die Maus schlich hinter die Kuh und schloss die Augen. Die Kuh drückte und zack versank die Maus in einem Fladen dunkelgrüner Ausscheidungen. Lächelnd schlich die Katze heran und zog die Maus aus dem Kuhdung, leckte sie ab und fraß sie. Und die Moral von der Geschicht? Nicht jeder der dich anscheißt, ist dein Feind und nicht jeder, der dich raus holt dein Freund!

Todsünde

•Dezember 26, 2008 • Kommentar schreiben

Gehemmt durch das ohnmächtige Verlangen mir mit einer Feder den Gaumen zu kitzeln, nachdem ich von allen Seiten gemästet wurde, als gäbe es kein Morgen mehr, ist es mir unmöglich so nah an den Rechner heran zu rutschen, dass ich problemlos die Tastatur erreichen kann. Aus diesen adipös anmutenden Gründen an dieser Stelle nur einen kurzen, dafür aber fetten Weihnachtsgruß und auf ein paar besinnliche, nachweihnachtliche Tage fernab jeglicher Völlerei.
Und denkt dran, zur Todsünde der Völlerei gehört auch übermäßiger Alkoholgenuss, also Ohren steif halten und ansonsten geschmeidig bleiben beim Rutsch ins neue Jahr.

Ikea

•Dezember 19, 2008 • 5 Kommentare

Nachdem es ja letzte Woche mein Ziel war, mit der Schilderung dieses Baddebakels meine Leser auf meine Seite zu ziehen, war ich entsetzt, als mich unzählige Freunde in mehr oder weniger deutlichen Ansprachen baten, dem Großmeister der Werkbank zu huldigen, weil er ein so toller Hecht sei.
Hecht, von wegen! Der wäre mit ins Wasser gestiegen. Aber gut, ich verzeihe meinen Lesern viel und so habe ich mich entschlossen, etwas deutlicher zu werden:

Ein Ikeabesuch ist für viele von uns etwas ganz gewöhnliches. Für mich, die ich aus dem Hinterland komme, wo Möbel noch von Hand selbst geschreinert werden, ist es ein Highlight. Wann passt so ein Highlight besser, als zur Vorweihnachtszeit? Vor allem, wenn man ausschließen kann, dass man das, was man sich dort kaufen möchte, geschenkt bekommt. Nachdem ich Oliver nichts von den Huldigungen wegen seiner Werkbankattitüden erzählt hatte, war ich mir sicher, er würde sich schlecht fühlen, weil etwas so brisantes wie sein – von mir immer wieder dezent als Fehlverhalten bezeichnetes – Benehmen im Bad an die Öffentlichkeit gedrungen war. Ein Versuch konnte also nicht schaden.
„Sage mal, du hast doch am Wochenende noch nichts vor, oder?“
Oliver schnaubt.
Ich glaube, das ist Zustimmung.
„Weißt du, ich habe überlegt, dass man vielleicht mal wieder nach Erfurt fahren könnte.“
Sein Blick hebt sich von der neuen Gitarrenzeitung, die leider sonst jegliches Gespräch am Abendsbrottisch unterbindet.
„Und wo soll ich da parken?“
Für den nicht so firmen Leser hier die Übersetzung von Olivers dieser Frage vorangegangenen Überlegungen: Susann will nach Erfurt? Weihnachtsmarkt? Geschäfte? Innenstadt. Keine Parkplätze…
„Naja, ein recht großes, schwedisches Möbelhaus hat für genau diese Problemstellung etwas eingerichtet. Man nennt es einen Kundenparkplatz. Riesig, glaube mir.“
Oliver schnaubt wieder. Diesmal hört es sich eher nach einer Abmahnung wegen des leicht flapsigen Tons in meiner Stimme an.
„Naja, auf jeden Fall dachte ich, wir fahren mal zu Ikea. Ich habe hier schon eine Liste mit Dingen gemacht, die ich gern hätte.“
Olivers Blick gleitet zur Liste und überfliegt sie.
„Muss das sein?“
Das, was auf der Liste steht, oder Ikea?
„Ja.“
Olivers schicksalsergebenes Seufzen ist ein eindeutiges Na gut, aber nur, weil ich weiß, dass du mir sonst den ganzen Abend damit in den Ohren liegst!
Geschafft.
Doch dann zieht Oliver den Zettel noch einmal zu sich herüber.
„Aber das Bücherregal kaufen wir nicht bei Ikea.“
Ich sehe mir noch einmal den Zettel an. Ist ja nicht so, als wäre er voll. Bücherregal, Kelle, Sofakissen.
„Aber wir fahren wegen des Bücherregals hin.“
Oliver schüttelt den Kopf und begeistert blitzen seine Augen auf.
„Unsinn. Wieso bei Ikea lackiertes Sperrholz kaufen, wenn wir bei Obi für den gleichen Preis echtes Holz kriegen. Ich wollte morgen eh zu Obi, dann bringe ich das Holz gleich mit und Samstag bauen wir dein Regal.“
Aber Samstag wollte ich doch zu Ikea. Oliver tätschelt mir die Hand und wendet sich wieder seiner Zeitung zu.
„Wegen einer Kelle und ein paar Kissen müssen wir ja nun wirklich nicht den ganzen Sprit bis Erfurt verfahren.“

Besinnliches Beisammensein

•Dezember 12, 2008 • 4 Kommentare

Nach einem besinnlichen Vorweihnachtsspaziergang im schneeregnerischen Jenenser Umland, beschloss ich, dass es doch ganz schön wäre, mal mit meinem Lebensabschnittsbevollmächtigten baden zu gehen. Anders als bei Loriot darf bei mir die gelbe Badeente immer mit in die Wanne, ein bisschen gut duftendes Eukalyptuserkältungsbad dazu und dann warten, bis der Schaum sich auftürmt. Begeistert lade ich Oliver zu einem Bad ein.
„Och nö. Baden ist öde. Ich bade nur, wenn ich krank bin.“
Kurz überlege ich, ob ich seine Erkältung ins Feld führe, aber ich habe keine Lust mir die Laune verderben zu lassen und jetzt eine langwierige Diskussion vom Zaun zu brechen. Also auf Umwegen.
„Naja, du musst ja nicht mit in die Wanne, aber ich fände es schön, wenn du mir wenigstens Gesellschaft leisten würdest.“
Was sollte er in unserem sieben Quadratmeter großen Bad schon tun, als mit mir baden, wenn er mir Gesellschaft leisten will? Wahrscheinlich geht ihm das Gleiche durch den Kopf, denn er zögert. Dann aber zuckt er zustimmend die Achseln. Ich lasse mich in das warme, die Haut langsam rötende Badewasser sinken und seufze genüsslich, als Oliver plötzlich voll bekleidet und mit etwas rotem in der Hand ins Bad tritt. Er stellt das Gerät ab und verschwindet wieder, um wenige Sekunden später mit einer großen Platte Nussbaumholz und seiner Werkbank zurück zu kommen.
Will er in der Badewanne ein Floß bauen?
Aber Oliver dreht mir nur den Rücken zu, steckt das lange Kabel in die Steckdose und lächelt mich an.
Er will mich umbringen!
Doch er wirft das Werkzeug nicht in die Badewanne, sondern legt das große Stück Holz auf seine Werkbank und endlich erkenne ich auch, was er in der Hand hält. Schwungvoll setzt Oliver seine Stichsäge an und das laute Kreischen von Metall auf Holz erfüllt den wohlig duftenden Dunst im Badezimmer. Sprachlos starre ich seinen leicht gebeugten Rücken an. Da liege ich, einzig eingehüllt in kaum verhüllenden Badeschaum mit verführerisch geröteten Wangen in der Badewanne und er sägt?
Lächelnd dreht Oliver sich um und einen kurzen Moment lang schöpfe ich Hoffnung…
„Es ist doch okay, wenn ich die Oberfräse noch hole, oder?“
Resigniert sinke ich tiefer ins Wasser.
„Klar. Aber stell doch die Werkbank bitte so, dass mir nicht die ganzen Späne in die Wanne fallen, ja?“

Der Jenaer Zwei-Klassen Weihnachtsmarkt

•Dezember 5, 2008 • 2 Kommentare

Während in der Bundesregierung über ein Zwei-Klassen Bildungssystem debattiert wird, das es Kindern aus bildungsfernen Familien nicht möglich macht über den Realschulabschluss hinaus staatlich geförderte Bildung zu erhalten, geht es auf dem Jenaer Weihnachtsmarkt um etwas viel Elementareres.
Es geht um Positionen. Nicht um Schwarz oder Rot, denn die Frage der Farbe auf dem Weihnachtsmarkt ist dank Coca Cola längst geklärt. Es geht vielmehr um die Position der Stände. In Frankreich ist man, nachdem festgestellt wurde, dass der dritte Stand über Gebühr aus der politischen Landschaft ausgeschlossen wird, auf die Barrikaden gegangen. In Jena beschränkt man sich auf verbales Gemetzel.
Der Grund?
In Jena gibt es einen Zwei-Klassen Weihnachtsmarkt. Die Economy-Class der Glühwein und gebrannte Mandeln Verkäufer befindet sich nahe des Eichplatzes, an BH-Verkäufer Stände geschmiegt und direkt beschallt vom Autoscooter. Der First-Class Weihnachtsmarkt ist dort, wo er hingehört. Auf dem Markt.
Die Ursache für die Anfeindungen?
Für manch einen mag das ein Rätsel sein, aber tatsächlich ist weniger die anstrengende Musik des Esoterikerstandes in Richtung H&M Grund zur Klage, als vielmehr die Tatsache, dass vom Autoscooter angelockt, hauptsächlich die Jugendlichen diesen Weihnachtsmarkt stürmen, maximal einen Glühwein trinken, pöbeln, lärmen und dann an den gebrannten Mandeln vorbei wieder zurück zum Autoscooter stürmen, um dort ihr mitgebrachtes Bier zu trinken. Anders ist das auf dem Erste-Klasse Weihnachtsmarkt. Hier, sich um den Hanfried windend, von den Turmbläsern unterhalten und von Chören besungen, schmiegt sich die Jenenser Elite, trinkt Glühwein vom Winzer und kauft den Lieben haufenweise Essen, Holzspielzeug und Bürgeler Porzellan.
Der Streitpunkt ist klar.
Wer auf dem Zweite-Klasse Weihnachtsmarkt seinen Stand hat, wurde ausgebootet. Ob Gelder geflossen sind, die Standanmeldungslisten vorab schon vetternwirtschaftlich unter der Hand herumgereicht wurden oder was sonst dazu geführt hat, dass einige Stände eben nicht auf dem Erste-Klasse Weihnachtsmarkt stehen, ist unklar. Man munkelt, dass es möglicherweise ein Platzproblem gibt und deshalb nicht alle auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Markt stehen können. Aber solchen Lappalien muss man gerade zur Weihnachtszeit keine Beachtung schenken. Dieses ganze besinnliche Getue dient doch nur dazu, den Zweite-Klasse Weihnachtsmarktständlern die Sicht aufs Wesentliche zu trüben. Und das Wesentliche ist es, ganz unabhängig von den Gründen, erstmal gegen alles zu wettern. Also Krieg der Zwei-Klassen Weihnachtsmarktstand-gellschaft!!!