Das Haar in der Suppe

•August 15, 2008 • 1 Kommentar

Ganz plötzlich wird es dunkel um mich herum.

Gewünscht hätte ich mir das in der vergangenen Nacht, als um fünf Uhr früh zwei nach Wodka-Redbull und Schweißsocken stinkende Briten in das Zimmer gestolpert kamen, in dem bereits ein Norweger schnarchte, als wäre er kurz vor dem Verenden. Der Lüfter, der in dem Zimmer permanent rattert, weil man das riesige Panoramafenster zur Straße nicht aufmachen kann - an sich ist das eigentlich kein Problem, denn dafür hört man die Straßenbahn vor der Tür auch nicht ganz so laut - surrte penetrant und der Schlaf war weiter weg als Jena.

Ganz im Gegensatz zu gestern Nacht, muss ich gestehen, hätte ich jetzt doch schon gern Licht, denn der 1 m² Duschraum hat kein Fenster. Innerlich habe ich mich der Situation in der Duschkabine allerdings schon ergeben, als ich festgestellt habe, dass es kein warmes Wasser gibt, also Ruhe bewahren. Vermutlich reinigen die Iren in diesem Hostel in Dublin aufgrund dieses Warmwassermangels die Fußböden mit so ätzenden Chemikalien, das einem die Augen brennen und auf dem Bauch schlafen unmöglich ist, weil die im Schutzreflex angeschwollenen Schleimhäute da nicht mehr mitmachen, habe ich mir überlegt, während mein Körper sich gegen das Eiswasser sträubt, das nur in vereinzelten Strahlen aus dem Duschkopf tropft.

Seufzend taste ich mich an der Wand entlang. Es gibt vermutlich wenig ekeligeres, als in vollkommener Dunkelheit an einer plastikverschalten Wand entlang zu tasten, bei dem Versuch so wenig wie möglich mit dem leicht schimmeligen Duschvorhang in Berührung zu kommen. Ekeliger ist nur, wenn man feststellt, dass jedes Bemühen vergeblich ist.

Wie eine zweite Haut legt sich das schimmelige Grün an meinen Oberschenkel. Erschaudernd schiebe ich den Vorhang zur Seite, meine Füße in die Schuhe und taste nach meinem Handtuch.

Der Lichtschalter für die winzige Duschkabine ist draußen auf dem Flur und schaltet auch das Licht dort an und aus. Die zwei Franzosen, die auf diesem Flur wohnen, waren ganz offensichtlich gegen den vermeintlichen, irischen Saus und Braus, was angeschaltete Flurlampen angeht. Schon zum dritten Mal in den letzten fünf Minuten.

Ich drücke den Schalter und verschwinde wieder in dem winzigen Duschraum. Es wird wohl das letzte Mal sein, das ich in Irland dusche, wenngleich ich noch zwei Tage in dem Bett mit der pullerdichten Unterlage verbringen muss, die einem deutlich macht, dass der Mensch jede Nacht einen Liter Flüssigkeit ausschwitzt.  

Aber was wäre ein Urlaub ohne das Haar in der Suppe, das einen daran erinnert, wo man zuhause ist, wo alles so ist, wie man es kennt, sich eingerichtet hat und wo man seinen Kopf aufs Kissen legt und einfach ungestört schläft.

Wären nicht alle Menschen in Irland, diesem faszinierenden, hügeligen Land mit

seinen Küstenlandschaften, charmanten Kleinstädten und freundlichen Bewohnern, gäbe es nicht die ein oder andere Kleinigkeit, die einem unangenehm aufstößt?

 

von Susann Wedekind

Kobolde

•Juli 25, 2008 • 2 Kommentare

Die Worte sollten mir nur so aus der Feder fließen, schließlich bin ich inspiriert von meinem bevorstehenden Urlaub ins Land der Regenbögen und Goldtöpfe, aber irgendwie komme ich auf keinen grünen Zweig. Vielleicht liegt das daran, das ich nicht darauf vorbereitet war hier in Jena Kobolden zu begegnen. Aber da waren sie. Zwei Mittsechziger saßen im Bus hinter mir in einer Vierersitzgruppe und ließen sich genüsslich über Studenten aus.

„Nüscht machen se.“

Raunt der Hagere, dessen graues Haar ihm wirr vom Kopf absteht.

„Nüscht.“

Wiederholt der Andere.

„Drei Monate Ferien und wir bezahlen des. Und wer bezahlt uns? Ich kann mir keinen Urlaub leisten.“

Der rundlichere schüttelt wieder den Kopf.

„Keinen Urlaub.“

Angelegentlich schiebe ich den Rucksack zwischen meine Knie, in dem sich sowohl die Kopien befinden, die ich stundenlang in der Bibliothek gezogen habe, als auch zwei Plastikregencapes für meinen Urlaub in Irland.

„Sitzen in der Wagnergasse und trinken Kaffee und unser eins spart sich jedes Brötchen vom Mund ab.“

Wieder spiegelt sich der kahle Schädel des Dickeren in der Scheibe vor mir, als er nickt.

„Vom Mund absparen.“

Interessiert lege ich die Hände mit der Handinnenfläche nach oben in den Schoß, um aufzufangen, was auch immer mir hineinfällt, denn wenn man den älteren Herren so zuhört, dann muss es eine ganze Menge sein und ich möchte mir nichts davon durch die Lappen gehen lassen.

„Und Manieren haben die auch nich.“

Der Rundliche räuspert sich.

„Keine Manieren.“

Einen kurzen Moment überlege ich, ob ich mich umdrehen sollte, um sicher zu gehen, dass nicht doch ein verkleideter Hape Kerkeling hinter mir im Bus sitzt um mich auf die Schippe zu nehmen. Aber es ist nicht Hape. Es sind zwei alte, zanselige Kobolde, die vergessen haben, dass am Ende des Regenbogens mehr wartet, als ein Topf voll Gold.

 

von Susann Wedekind

Weisheit in Zahn

•Juli 18, 2008 • 1 Kommentar

Die Schmerztabletten wirken… so ungefähr drei bis vier Stunden.

Der leicht drückende und im Rhythmus meines Herzens pochende Schmerz dort, wo nur Stunden zuvor noch einer meiner Weisheitszähne war, wabbert in Wellen über mich hinweg. Dank der Tabletten schwappt er jedoch nur ganz leicht in mein Bewusstsein. Ebenso wie Hunger, das Bedürfnis mich geistig rege an irgendetwas zu beteiligen, Ärger oder jegliche andersgeartete Regung meines Gemüts. Die Tabletten packen nicht nur den Schmerz in Watte, sondern auch alles andere.

Eigentlich hatte ich nur zu meinem jährlichen Besuch beim Zahnarzt gehen wollen. Ein kurzer Anruf, ein Termin, das behände Wegkratzen von Zahnstein, damit die zehn Euro Praxisgebühr, die ich vorne an der Rezeption prophylaktisch abgegeben musste auch ja in der Praxis bleiben und dann wieder nach hause. Die letzte Woche Uni und ich wollte es ausnutzen, das alles ein wenig gemächlicher läuft, wollte in die Bibliothek und mich an den leeren Kopierern freuen.

Stattdessen sitze ich zuhause und bin auf Dolormin.

In gut einer Woche fahre ich in den Urlaub, aber meine Vorfreude ist getrübt, um nicht zu sagen, betäubt.

Oliver schleicht leise um mich herum, als habe er Angst, der schlafende Drache würde aufwachen und Feuer spucken. Aber der Drache siecht und außer einem leichten Brennen links am Kiefer ist mit Feuer nichts zu machen. Das pürierte Mortadellatoast gammelt in einem kleinen Schälchen neben mir auf dem Tisch und wenn ich mich dazu aufraffen könnte meinen Kopf zu drehen, dann würden mich bestimmt auch ein paar von den saftig gelben Bananen verlockend anlächeln, die ich kauen müsste und deshalb von meinem Speiseplan gestrichen habe. Gleichgültig sackt mein Kopf zurück an die Sofalehne. Dorthin, wo der Kühlakku sich treu an meine Wange schmiegt.

Dabei hat alles so verdammt viel versprechend angefangen. Freundlich hatte mich die Schwester ins Behandlungszimmer geleitet, mich auf den Stuhl gesetzt und das goldgelbe Licht über mir hatte mich zuversichtlich gestimmt, mir ein Lächeln auf den weit geöffneten Mund gezaubert. Mein Zahnarzt hatte das Lächeln erwidert.

<< Sie haben schöne Zähne, Frau Wedekind. >>

Beruhigt hatte ich die Augen geschlossen, mich auf das abkratzen von Zahnstein vorbereitet, als sich mein Mund plötzlich wieder schloss, befreit von Spiegel, mit Gummi behandschuhten Fingern und Werkzeug.  

<< Wirklich schöne Zähne. Nur vier zuviel. >>

 

von Susann Wedekind

Sargdiscount

•Juli 11, 2008 • 4 Kommentare

Angesichts der Tatsache, dass meine Mutter immer gesagt hat, ich soll nicht Hans-Guck-In-Die-Luft spielen, sondern auf den Weg vor mir sehen, fiel der Vortrag eines Kommilitonen bei mir auf fruchtbaren Boden. Der Weg vor mir wird nämlich zwangsläufig irgendwann enden und so fühlte ich mich angeregt, die im Seminar zum Thema „Bestattung“ vorgestellten Seiten im Internet einmal zu besuchen.

Nachdem ich bei Bestattungsagentur.de mit den Worten: Herzlich willkommen auf den Seiten Ihrer Bestattungsagentur und schön, dass Sie (noch) da sind, begrüßt wurde, betrachtete ich eine ganze Weile die Angebote, die der Discountbestatter für mein Ableben bereithält. Besonders „Burn Baby Burn“ hält mich gefangen, denn zu einer kleinen Urne mit Aschekapsel kann ich auch ein Bunsenbrenner-Butangasflaschen Set bekommen und dazu Hammer, Meißel und eine ausführliche Bedienungsanleitung. Wer sich nicht selbst die Finger schmutzig machen möchte, der kann sich auf ruhe-sanft-und-billig.de sogar für eine Fahrt in ein polnisches Krematorium zur Vorbesichtigung anmelden. Die Idee, mich in Polen verbrennen zu lassen, verwerfe ich allerdings spontan aufgrund meines Daseins als Geschichtsstudentin und aus ethischen Gesichtspunkten. Nachdem ich eine Seite erspäht habe, die mit Berufsbekleidung für Angestellte im Bestattungsbereich wirbt, auf der in weißen Lettern „Wir legen sie tiefer“ steht, stolpere ich über rent-a-sarg.de. Anders als bei Bestattungsagentur.de wird man auf dieser Seite nicht sensibel an das Thema des Ablebens herangeführt. Ihnen war das Sterben bislang aufgrund der hohen Sargpreise zu teuer? Dann sind Sie bei uns genau richtig, flackert es mir entgegen. Allerdings spricht Rent-a-sarg.de ganz geschickt mein Umweltbewusstsein an, schließlich muss jeder ein bisschen Verantwortung für die Zukunft übernehmen. Überlassen Sie das Sargrecycling nicht länger den Würmern, steht dort in zarten weißen Buchstaben auf dunkelblauem Hintergrund. Man kann hier Särge leihen. Freigiebig klicke ich mich durch die Maske, um mich zu informieren. Besser vorbeugen, als nach hinten fallen, heißt es ja immer. Ganz plötzlich blinkt ein kleines Feld auf. Aufgrund der begrenzten Anzahl der Särge werde ich gebeten, termingenau zu sterben. Ich schaffe es noch nicht mal pünktlich zum Mittagessen in die Mensa, dieses Angebot ist also definitiv nichts für mich. Ich klicke mich wieder zurück zur Bestattungsagentur. Dort wo eigentlich ein paar seriöse Angaben zu den Paketpreisen für das Sarg-Selbstbastelset stehen müssten, flackert eine unverkennbare Botschaft: Der Betrug stirbt zuletzt.

Und die Moral von der Geschicht? Meißel, Hammer, Grabstein, Gicht sind zum Schabernacke nicht!

 

von Susann Wedekind

Auf Wanderschaft

•Juli 4, 2008 • 2 Kommentare

Breitbeinig watschele ich zwischen den Regalen der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek hindurch. Dieses abstruse Verhalten hat weniger mit tatsächlichem Unwohlsein im Zwischenbeinbereich zu tun, als vielmehr mit den argwöhnischen Blicken, die ich bereits beim Erklimmen der Treppe auf mich gezogen habe. Man mag kaum glauben, dass die leisesten Geräusche, die vermutlich jeder Mensch beim Gehen macht, für manche Leute schon ein Verbrechen sind, aber hier, in den heiligen Hallen der Bücheraufbewahrung ist dem so. Noch mal einen kurzen Blick auf meinen Zettel werfend, atme ich erleichtert die etwas stickige Luft ein, die mit einer zarten Note Ozon von den Kopierern und einem Hauch Schweiß von den Kopierenden gewürzt ist. Auf meinem Zettel steht nur ein einziges Buch. Jovial watschele ich in den hinteren Teil der Bibliothek. Die kurze Signatur zeigt mir, dass ich vor dem richtigen Regal stehe.

Eilig zirkele ich um die kleinen, hockerähnlichen Trittleitern herum, die es auch Menschen meiner Größe ermöglichen an die oberen Regalreihen zu kommen und gleite beschwingt mit dem Finger über die unteren Buchrücken. Phi:Zm… unsicher sehe ich mich um. Hier sollte doch Phi:Dd stehen. Kopfschüttelnd watschele ich zurück zum Regalende und betrachte angelegentlich das gerahmte Blatt mit den Signaturverweisen. Phi:Dd. Ich habe mich nicht verguckt. Meine Jeans schubbelt leise, als ich zurück zwischen die Regale steuere. Phi:Zm. Irgendetwas stimmt nicht, denn genau hier müsste das gewünschte Exemplar stehen. Bestimmt hat wieder einer von diesen miesen Pseudophilosophen das Buch mit der Zm-Signatur verstellt, damit niemand anderes es findet. Das ist hier in der Bibliothek so was wie Ausleihen für den Eigenbedarf. Wütend über soviel Egoismus gleitet meine Hand übers Regal, doch noch während meine Finger zu dem Buch hinaufwandern, sehe ich die Reihe entlang. Hier stehen überall Zm-Signaturen.

Inventur.

Na klasse! Aber gut, so viele Möglichkeiten gibt es ja nicht. Ich kehre also um und gehe einige Regale weiter zur eigentlichen Zm-Signatur. Gleich oben an der Ecke steht ein Pd-Buch. So eine Inventur kann schon ganz schön verfuchst sein. Möglichst lautlos watschele ich weiter. Gl steht bei Nd und Dp unter Pf. Irgendwo zwischen Hz und De habe ich dann den Faden verloren. Frustriert schiebe ich einen der kleinen, grauen Hocker mit dem Fuß zur Seite, als ein wütendes pssst von irgendwo aus der Fensterreihe zu mir herüber dringt, gefolgt von ein paar herrisch geflüsterten Worten.

<<Wenn du wandern gehen willst, dann verschwinde in den Wald. Es gibt auch Leute, die wollen hier arbeiten.>>

 

von Susann Wedekind

Picasso

•Juni 27, 2008 • 2 Kommentare

Ein bisschen unangenehm drückt das edle Kirschbaumholz in meinen Rücken, als ich versuche es mir in einem der vanillegelb gestrichenen Seminarräume im Unihauptgebäude bequem zu machen.  Schade eigentlich, dass der ausklappbare Tisch beim halbwegs bequemen Lümmeln zu dicht dran ist, für akkurates Sitzen und Mitschreiben aber zu weit weg. Bekümmert richte ich mich auf, nachdem das dritte Mal mein Fuß von der winzigen, zum Abstützen ungeeigneten Kante der Bankreihe vor mir abgerutscht ist. Seit ich das letzte Mal hoch gesehen habe, hat sich nichts verändert. Unser Dozent steht noch immer mit dem Rücken zum Plenum und zeichnet wilde schwarze Skizzen vom Orient an die weiße Plastiktafel. Er ist schon in einem fortgeschrittenen Stadium seiner obskuren Malerei, denn auf die vagen Umrisse der Mittelmeerküste hat er Linien gemalt. Dicke und dünne schwarze Striche, die sowohl Handelswege, als auch befeindete, benachbarte und begrabene Reiche kennzeichnen. Ganz plötzlich dreht er sich um, steckt jovial die Kuppe auf das Ende des Stiftes und mustert uns.  << Weiß einer von Ihnen, welche Verbindung es zwischen den Mamluken und der Goldenen Horde gab? >> Ähm, nein, würde ich vermuten. Ich wage sogar zu bezweifeln, dass außer ihm überhaupt schon mal jemand was von der Goldenen Horde gehört hat. Er sieht aus, als denke er ähnliches und fängt an auf seinem Stift herumzukauen, einen vagen Blick auf die Tafel werfend. << Ich denke das reicht erstmal an Skizzen. >> Ja, das denken wir alle. Schon seit mindestens zwanzig Minuten. Dankbar lächeln wir ihn an. Ein bisschen devotes Zustimmen hat noch nie geschadet, vor allem nicht, wenn es darum geht, das Klima in einem derart beengten Raum freundlich zu halten.  Selbstvergessen fängt er an über die Goldene Horde zu sprechen, ihre Machtausdehnung, Handelspartner und alles, was dazu gehört. Mein Fuß zuckt zu der kleinen Kante in der Bankreihe vor mir, als Picasso sich umdreht und noch ein paar Linien auf die fast schwarze Tafel zeichnet. Dann lächelt er wieder ins Plenum, nachdenklich auf seinem Stift herumkauend. Er dreht den dicken, schwarzen Edding  und spielt damit an seinem Gesicht und zwischen den Fingern. Ob er weiß, dass er den Stift noch nicht zugemacht hat?

von Susann Wedekind

 

Ausgebremst

•Juni 20, 2008 • 3 Kommentare

Von wegen, der frühe Vogel fängt den Wurm! Dieser Vogel hier ist mit zerzaustem Gefieder unterwegs und hat Zahnpasta auf der Jeans. Aber es nützt alles nichts. Es ist fünf nach zehn und ich muss mich beeilen. Mit hochrotem Gesicht husche ich zwischen zwei Bahnen über den Löbergraben und ziehe das Tempo an. Es wird knapp. Völlig unvermittelt schlägt mir eine dicht stehende Wolke aufdringlich bunter Düfte aus dem “Yves Rocher” entgegen und ich gerate aus dem Schritt. Die Synapsen in meinem Gehirn zünden wild drauf los, überfordert von dieser Reizüberflutung und in genau dem Augenblick schlagen sie zu: Tierschützer. Eine junge Frau mit einer Broschüre in der Hand, von deren Titelbild mich ein possierliches Nutria mit feuchten Augen anschmachtet, tritt mir in den Weg. Es ist sieben nach zehn. Die junge Frau lächelt mich aus großen, vom Unrecht der Welt getrübten Augen an und streckt in einer fast flehentlich theatralischen Geste die Hand aus.

<< Du magst doch Tiere, nicht wahr? >> Sicher mag ich Tiere. Was ich nicht mag sind aufdringliche Passantenaufhalter.

<< Kann man nicht aus solchen da Mäntel machen? >> Ihr Blick folgt meinem Finger zu der Broschüre über Nerze, die auf dem beschatteten Stand liegt, hinter dem sie vorgeschossen kam. Meine Finte funktioniert, doch gerade als ich an ihr vorbei huschen will, hält ein junger Mann mit strahlend weißem Lächeln mich freundlich auf.

<< Mit nur zehn Euro im Monat hilfst du Leben retten. >> Für ihn wäre das viel einfacher. Er könnte mich vor einem langsamen, dem Sauerstoffmangel geschuldeten Tod im Seminarraum retten, wenn er nur endlich aus dem Weg ginge, denn noch besteht die Chance auf einen Platz am Fenster.

<< Ich nehme so ein Informationsheft mit. >> Meine Stimme klingt definitiv genervt, untermalt vom Ticken meines Sekundenzeigers. Der junge Mann schraubt sein Lächeln ein paar Watt höher.

<< Das ist schön.>> Seine Komplizin fängt an in einem Stapel Papieren zu wühlen.

<< Sie können das auch gleich hier ausfüllen. Dauert nur zwei Minütchen. >> Minuten, die ich nicht habe! Mein Blick huscht zur Uhr und resigniert sacke ich in mich zusammen. Der Drops ist gelutscht. Selbst wenn ich wollte, ich würde es nicht mehr rechtzeitig ins Seminar schaffen. Ärger regt sich in mir. Die Biberlady hat das Formular gefunden und kritzelt irgendwas darauf herum, dann hebt sie den freundlichen, vermeintlich unschuldigen Blick.

<< Wie war noch mal der Name? >> Ein aufdringlich blumiger Geruch wabbert aus dem “Yves Rocher” zu mir herüber und meine Synapsen straucheln erneut.

<< De Vil. >> Unsicher hebt die junge Frau den Blick, aber ich habe ihr den Bogen Papier schon aus den verkrampften Fingern gezerrt und mich auf den Weg in Richtung Uni gemacht.

<< Curella De Vil. >>

von Susann Wedekind

Fast vorbei

•Juni 12, 2008 • 5 Kommentare

Nach der demütigenden Niederlage der deutschen Nationalmannschaft am vergangenen Abend, wandert mein Blick betroffen und demütig gesenkt über die unebenen Pflastersteine des Campus. Anders als sonst ist er menschenleer. Nirgendwo entdecke ich das kunterbunte Chaos, das an normalen Tagen zur Stoßzeit hier herrscht. Die deutsche Niederlage sitzt tief.

Wahrscheinlich ist niemand in der Uni, weil die Leute sich verstecken. Wo sind die ganzen Beine, die in allen Hautfarben wie Krokusse aus dem grauen Pflasterstein des Ernst-Abbe-Platzes sprießen, wohl sonst? Vermutlich recken sie sich himmelwärts, weil ihre Besitzer den Kopf in den Sand gesteckt haben. Schade, denn die kleinen, pilzähnlich kreisförmigen herumlungernden Gruppen und die hoch gezogenen Socken in abgewetzten Turnschuhen, an denen mein Blick so oft vorbeischrammt, fehlen mir. Das gehört dazu, wenn man über den Campus geht, gerade im Frühling.

Aber der ist ja auch fast vorbei.

Sehnsüchtig schweift mein Blick in die Ferne, bis zum nächsten Pflasterstein. Fast bin ich geneigt den Blick wirklich zu heben, um mich zu vergewissern, dass ich tatsächlich allein unterwegs bin, als mir etwas ins Auge springt: Späte Frühblüher. Wie über einen wurzelig, huckeligen Boden wabbert mein Blick über Flipflops, Sandaletten, weiße Sportstrümpfe in aufdringlich neonfarbenen Sportschuhen und ein Paar komplett nackter Füße.

Campus, du hast mich wieder, jubiliert mein Inneres und freudig gründelt mein Blick über die Füße, wie ein Wels auf Nahrungssuche. Es soll auch Menschen mit schönen Füßen geben, sinne ich tiefgründiger über den Hartnäckigen nach, der auch bei grauem Himmel und schafskalten 16 Grad barfuß auf den feucht aussehenden Steinen ausharrt. Dieses Exemplar gehört leider nicht dazu.

Aus schrecklich kotfarbenen Sandaletten ranken weiße Strunksen, in schwarzem Haarkleid, das über dem Knöchel endet, als würde der Besitzer eine Fleischsocke tragen. Schlechtes Wetter hat also ganz offensichtlich nicht nur zur deutschen Niederlage geführt, es hat auch seine Vorteile. Der weiß Bebeinte kratzt sich mit einem riesigen Zehnagel, der mich an die Velociraptoren aus Jurassic Park erinnert an der Wade und würgend eile ich weiter. Im Vergleich zum Elend auf dem Campus wirkt Deutschlands knappe Niederlage auf dem Rasen fast wie ein Erfolg.

 

von Susann Wedekind